In der Six-yard-box wird getreten

Am Sonntag findet ein grosser Fussballkampf statt. Wenn überhaupt, werde ich ihn in einem englischen Fernsehsender schauen. Ich liebe nämlich, besonders was den Fussball betrifft, das Vokabular der Engländer. Die six-yard-box z.B. Was immer das auch heissen mag. Ich vermute es ist der zu deutsch Strafraum genannte Rasenabschnitt. Ein wirklich schöner Begriff. Wie auch screw-in stud. Wer oder was war das nochmal? Bedeutungen sind gar nicht so wichtig, denn der Klang allein macht beim Hören ja die Musik. Vielleicht hat der Vater Lust mitzuhören, er mag auch das Englische und isst immer so gerne etwas, wenn danach, oder gar dabei, Ballsport in weitestem Sinne, geschaut wird. Hauptsache mein Lieblingsspieler sitzt nicht wieder als substitute auf der Bank. Wie hiess er noch gleich? Djego Vorlan, glaub ich. Long ago. Er hatte meine Frisur, deshalb die Vorliebe. Wäre ich ein Mann geworden sähe ich ihm vielleicht ähnlich. Diese Egozentrik ist nicht auszuhalten, aber menschlich. Ob ich mich noch zurechtfinde, nach zehn Jahren Fernseh- und ebenfalls Fussballabstinez? Ich war mal ein ziemlicher Freund von dem Ganzen Getue. Wollte selbst als Kind ein Fussballer werden, wusste damals noch nicht, dass dies (abgesehen davon, dass ich nicht plötzlich zum Mann werden würde) ein sehr anstrengender Beruf sein konnte. Die immerzu beim Schauen zu bewältigenden Werbeschleifen werden uns natürlich zu Tode nerven. Und dann diese ständigen Unklarheiten bezüglich der Regeln. Mir wird es dann als Zuschauer*in schließlich wieder so ergehen, wie einem Psychoanalytiker, der das in der Seele des Patienten versteckte Drama nicht mehr versteht und sich deshalb auch schlecht zu fühlen beginnt. Denn die Problematiken der einzelnen Spieler treten ja im Laufe der Minuten immer zunehmend in den Vordergrund (das Spiel dagegen wird meist öde, wenn der Torabstand eindeutig wird). Alle fragen sich dann schließlich nur noch wie es ihm, dem Einzelnen eigentlich gerade so geht und wann die Hochzeit stattfinden wird, zumindest kommt die Frage auf, wenn man mit Frauen guckt (Verzeihung Frauen, aber so ist es ja halt). Und beim elenden Interviewteil am Ende, wo es durchaus vorkommen kann, dass ein vorher niedlich Verstrubbelter plötzlich einen akkuraten Weichselzopf trägt, kann man dann auch lange auf einen interessanten Trainer mit angespanntem Kiefer und charakteristisch krächzender Taschenfaltenstimme warten, denn diese Art, die man aus Kinderzeiten noch kennt, gibt es so leider nicht mehr. Heute sind tatsächlich alle (fast), sogar beim Fussball, schick angezogen und ebenso geschmeidig in allen erdenklichen Umgangsformen (ausser im Spiel selbst, wo Fusstritte ausgeteilt werden wie Freibiere). Spieler sowie Trainer und andere Halunken im Bereich Sport, haben heute fast alle das Abitur und sind einseitig zwar, doch da gebildet bis in die Poren. Und arm sind sie alle nicht mehr, auch, wenn sie sich oft ziemlich verzocken.
Ich muss nun an Robert Walsers Ausspruch denken: Was einst auseinander lotterte, leimt Geld unglaublich flink zusammen. Ja, die Zeiten der Krätzmilben (auch im übertragenen Sinne) sind definitiv vorbei, egal wo, selbst bei der Suppenküche fiel ich neulich mit meinem Lottermantel (wo das Innenfutter herausquoll) auf.

Aus dem Archiv des Hohlraumblogs
© Bettie I. Alfred, ein Tag vor dem Finale 2018

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