Nichts beflügelt mehr als eine Baustelle

Eitelkeit verträgt nicht, dass man sie durchschaut. Na gut und jetzt? Schlaue Worte machen ist wohl eine Fähigkeit, die man schnell erlernen kann. Ich möchte es nun wieder verlernen… Möchte ein Homo Sapiens sein, auf den es lediglich im Hier und Jetzt ankommt. Das ausschließlich langgezogene Spaziergehen im Buchstabenmeer führt zu einer Lebensferne, die mich stört. Die zufällige Vielfalt des Lebens ist der Punkt und nicht das, was einem im abgezirkelten Sitzgarten immerzu erfasst. Im quetschigen Rossmann lese ich auf der Creme unter Hauttyp: Jeder. Ich muss lachen. Ich mag es, dass alles für jeden ist. Auch wenn es gelogen ist, weil nie alles für jeden ist. Es ist eine Lüge und eine Illusion in einem, diese Behauptung, dass alles für jeden ist. Alle sind nämlich mindestens einmal pro Jahr allergisch. Oder nicht alle, aber zumindest einer, eine, ist immer mal allergisch gegen etwas. Ist einer komplett ataraxisch (ich bin nicht sicher, ob es dieses Wort gibt, ich verwende es um Eindruck zu schinden, würde es gar nicht existieren, hätte ich das Gegenteil erreicht… na und?) ist einer bzw. eine also komplett leidenschaftslos, was sein Gegenüber betrifft, ist es ihm also egal, wer ihn oder sie besucht, ihm oder ihr schreibt, wer sie oder ihn grüsst, wer ihn oder sie bemitleidet, wer sie oder ihn akzeptiert, ihn oder sie verachtet… dann ist der Punkt wohl gekommen, wo alles möglich wird. Ist es einem sogar ganz egal, ob man lediglich eine sich selbst imitierende Imitation ist, oder sogar ein düstersinniges Nichts mit keinerlei Angst mehr vor kondensierten Pseudokatastrophen, dann ist der Zustand ertragbar geworden und man kann wieder laut lachen und sogar einen schubsen. Alles und jeden dabei übersehen oder auch das Gegenteil untersehen. Die Freude ohne Untergrund ist dann wieder im Anmarsch. Und die Frage, wo man hingehört wird schließlich komplett beantwortet sein: Nirgends.

P.S: Die Baustelle vor, sowie eine auch hinter dem Haus, ist noch da. Ich werde sie beide vermissen, wenn sie denn weg sind. Nichts beflügelt mich mehr als eine Baustelle in Sichtweite. Die Treppe, die noch fehlte, konnte heute, ich habe es genau beobachtet, nicht installiert werden, der Guss des Fundaments ist schief gegangen. Eine schräge Treppe wärs schließlich geworden und das geht so nicht. Ein Fehler, der nun ausgeglichen werden muss, damit man sich nicht wie auf einem schwankenden Schiff fühlt, wenn man das Gebäude betreten muss.

© Bettie I. Alfred, 11.1.23



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