Aus den Zeiten eines Strumpfhosentieres 5

Sitze am Schreibtisch und arbeite. Höre eine Baustelle. Eine mir fremde Baustelle. Es ist eine, die sich auf dem sich nebenan befindenden S-Bahngleis zuträgt. Es ist Sonntag. In der Großstadt gibts auch am Sonntag Baustellen. Das Zimmer ist kalt. Ich bin zu faul um zu heizen. Das Telefon klingelt. Ich gehe nicht dran. Die meisten sprechen undeutlich und ich höre schlecht bzw. kommt es mir so vor, als ob ich schlecht höre. Ich möchte nicht so oft nachfragen, deshalb sage ich obwohl ich nichts verstanden habe, oft : „Ja, aha. Jajajaja!“ Diese Gespräche sind dann eine Angelegenheit, die der Gehirnspeicher sofort nach Beendigung löscht. Der Schriftsteller stellt bei der Kälte alles, was kalt ist, auf die Heizung. Auch den Wurstsalat. Ich bin nicht sicher, ob er die Heizung als Herd verwendet. Der Herd ist abgestellt. Ich schaue bei ihm ein uraltes Schauspieler-Lexikon an. Es sind auch Frauen drin. Lilo Pulver. Sie lacht immer, egal wo man ein Foto von ihr sieht. Wie schön wäre sie wohl, wenn sie einmal ernst schauen würde. Ganz sicher wäre sie das. Ich lache auch immer, wegen der ansonsten enorm hervortretenden Magenfalten, das Lachen, lenkt davon ab. Ansonsten hat Curt Jürgens (der Einzige, den man in diesem Buch seitlich abbildete) einen schönen langen Hals. Viele Bilder von Personen deren Namen ich noch nie gehört habe: Elma Bulla, Anna Szeles. Die hat ganz feines Haar. Ich muss daran denken, wie der Vater mich als Kind bürstete. Ich hasste das. Doch wenn Kinder ungebürstet in die Schule gingen, schalteten sich bei den Lehrerinnen sofort die Warnlampen an. Ein ungebürstetes Kind war schlimmer als ein Haudegen. Dann die Idee, die Haare abzuschneiden. Ich in Angststarre. Vor mir das Bild der Freundin, die wegen Läusen eine Glatze frisiert bekommen hatte. Dann war sie erstmal Kopftuch tragend. Sie weinte bitterlich. ich bekam dann einen Rundschnitt verpasst. Zum ersten und fast letzten Mal war ich beim Friseur gewesen. Eine schreckliche Erfahrung, man sah sich selbst und den Mann der einem die Haare abschnitt in einem riesigen Spiegel. Dieses Kind, ich, vollkommen anders, als ich gedacht hatte. Gar nicht wie diese Kiera, der ich doch nacheiferte. Nein, ich erinnerte mich an eine Karnevalsfigur, die ich einmal auf einem Wagen gesehen hatte. So einen Pappmacheekopf. Am Ende stand ich dann da mit diesem Rundschnitt. Um Himmelswillen, wie sollte ich so zur Schule gehen? Der Vater machte dann tätschel tätschel auf die neue Frisur und ihm gefiel sie, denn ihm gefiel alles, was er bezahlte und was dazu da war, dass er „frei“ hatte. Dieser Termin hatte ihm gut gefallen, denn er konnte eine Stunde in Ruhe Zeitung lesen. Er las immerzu Zeitung. Wie konnte man immerzu Zeitung lesen? Fragte ich mich oft. Keine Sekunde ohne Zeitung lesen. Er war deshalb auch ungeheur vielwissend. Man sagte ein Wort und zack kam ein Vortrag dazu. ich wurde dann ein Hohlkopf. Vorerst. Dann versuchte ich in diesen auch mal etwas hineinzufüllen. Der Großteil fiel wieder heraus. Das, was hängen blieb, war das Wissen, was mir dann weiterhalf. Wissen muss weiterhelfen, tut es dies nicht, kann es da bleiben wo es ist, …zwischen den Buchdeckeln. Bei einem Spaziergang komme ich bei einer Wahlveranstaltung von einer Partei vorbei. Man redet und tut überzeugend. Im Hintergrund eine Gegenveranstaltung, wo jemand brüllt, als hätte er Schmerzen. Er hasst die Rednerin und will stören. Alle stören sich immerzu gegenseitig. Das brauchen sie, um sich wichtig zu fühlen. Ich gehe dann und werfe alle Zettel weg. Der Kampf um die Macht ist so unsexy.

© Bettie I. Alfred, 22.1.23


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