Schöne Zumutungen

Auf einem Spielplatz spricht das Kind aus Spanien mit dem Kind aus der Türkei. Die Sprachen dabei nicht wichtig. Auch die am Rande hin drapiert wirkenden Erwachsenen sind unwichtig. Wenn sie sich einbringen, stören sie. Jemand sagt, dass er die Bornstrasse entlang gegangen sei. Die sei nach Nicolas Born benannt, der in den 70er Jahren dort gelebt habe. Ich schaue dann zuhause noch einmal in die Literaturzeitschrift, die sich mit ihm befasst hat. Er wollte in seinem Schreiben rigoros sein, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich frage mich, was das bedeuten soll und ob ehrliches Schreiben, oder wahrhaftes Schreiben nicht immer rigoros ist? Ich ahne, dass ich heute mein Zweifelstudium fortsetzen werde. Born hat viel über das sich immerzu zersetzende Ich geschrieben. Die Liebe hat ihn dabei sehr beschäftigt. Er lässt einen Protagonisten Novalis zitieren: Im höchsten Schmerz tritt zuweilen eine Paralysis der Empfindungen ein. Die Seele zersetzt sich. Daher der tödliche Frost, die freie Denkkraft, der schmetternde unaufhörliche Witz dieser Art von Verzweiflung. Frost, Bernhards erstes Buch. Beide Schreiber hatten wohl keine große Angst vor der Wahrheit. Der befreundete Schriftsteller hatte diese schon eher, vielleicht lebt er deshalb mit fast 90 Jahren noch. Er hatte immer schon mehr Hoffnung als Angst. Auf einem Spielplatz ist alles voller Hoffnung. Kinder sind meistens noch nicht paralysiert, zumindest haben sie noch die Kraft einer sich anbahnenden Erstarrung entgegenzuwirken. Kinder hüpfen sich frei. Ich erkenne ein weiteres gutes System der Verarbeitung in ihnen. Ich nenne es mal die Zu-ab-auf-Strategie: Zustand-Abstand-Aufstand. Ein (Un)Bekannter von mir beschwert sich über sein Frau. Sie sei so unpraktisch. Ich frage mich sofort, ob ich unpraktisch oder praktisch bin. Bemerke dann zum ersten Mal im Leben, dass man es in Relation setzen muss. „Jeder wünscht sich ja eine praktische Frau mit Henkel“ Sage ich dann und überlege dann was ich damit eigentlich genau gemeint habe. Ich beschloß dann den Mund zu halten. Im Allgemeinen ist die Situation unter Menschen eine schöne Zumutung.

© Bettie I. Alfred, 11.4.23


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