Archive for the ‘Jahreszeiten/Wetter’ Category

Die kargen Rabatten der leicht verschneiten Kleingärten

November 21, 2022

Berlin kann höllisch sein, heute empfand ich es jedoch beim Gang zum Lottoladen als himmlisch. Das hat mit dem leichten Schnee-Belag zu tun und mit meinen Erinnerungen an die Zeit, in der ich mit 11 Jahren durchs ebenso winterlich angehauchte Berlin stapfte. Der Weg, in dieser Szene, geht immer zum Kiefernorthopäden. Jedes Kind hatte damals im Auge der Kieferorthopädie eine unbedingt behandelbare Zahnfehlstellung, die mit Metallgebilden zurecht gerückt werden musste. Bis heute habe ich immer denselben Alptraum vom „Spangetragen“: Ich drücke mir das Teil ins Maul und weil es nicht passt, zu klein ist, neigen sich die Zähne langsam nach innen und brechen schließlich ab. Trotz allem Unglücksempfinden was diesen Traum betrifft, denke ich viel und oft an die Zeit als 11-jährige. Damals war mir eine Kohlenheizung noch nicht bekannt, alle, die ich kannte, hatten eine Zentralheizung. Nur der Onkel sprach einmal von einer Kohlenheizung und wie fürchterlich die Bedienung einer solchen gewesen war. Der Schmutz, immerzu ein grosses Thema. Gestern dann ein Gespräch mit Bekannten über die Zeit nach der Wende, wo selbst „feine Herrschaften“ einmal mit dem schwarzen Grubengold konfrontiert waren. Als ich im Hörbuch über Kafka und seine Zeit in Berlin dann höre, dass er dort genau vor 99 Jahren (Ende November 1923) in seiner Steglitzer Wohnung schon eine Zentralheizung gehabt hatte, bin ich kurz der Meinung, das ich nun auch einmal eine solche haben sollte. Dann muss ich an eine Zugfahrt denken, wo eine undichte Stelle im Zug dazu führte dass man sich Mäntel über die Beine legte und sich wegen dieser Windigkeit im Beinbereich dann eine für die DB untypische Gemütlichkeit im Zug ausgebreitet hatte. Menschen, die sich niemals angeschaut hätten nickten sich plötzlich freundlich zu, nach dem Motto: Jaja, so ist es doch auszuhalten. Eine Situation, in der einem ausnahmsweise Mal ein Handy nicht weiterhelfen konnte. Und das Lesen mit einem Mantel als Wärmezelt über dem Schoss, über rollenden Rädern auf Schienen, das war dann definitiv ein Genuss, auch, wenn im Grossen und Ganzen gesehen schon wieder ein neues Jahr und somit die Alterung des Körpergestells drohte. Beim Blick in die kargen Rabatten der leicht verschneiten Kleingärten zwischendurch, ist dann alles gut und doch eindeutig hoffnungslos. Diese Mischung… immer wieder ein Faszinosum.


© Bettie I. Alfred, 21.November 2022

Dusie (Aus dem Archiv)

Mai 24, 2022

Heute vormittag im Matratzengeschäft. Alles voll mit weissen dicken Matratzen. Ich entnervt, weil mir nicht klar wird durch das, was die Matratzenfachfrau sehr ausführlich und immer wieder aufs Neue, mir versucht über Matratzen zu erzählen, was eine gute Liegefläche ist und was nicht. Eine sehr kleine Frau mit rundem Gesicht, schleicht wärend dessen im Hintergrund im Matratzenzentrum herum. Plötzlich streckt sie sich zwischen mich und die Matratzenfachfrau und fragt mit türkischer Sprachfärbung: „Gibs auch Bett gleisch mit Mann drin?“  Dann lacht sie. Die Fachfrau ist irritiert und hat danach eine Blockade in Richtung Weiterführung ihres Monologs über das Matratzenwesen. Die kleine Frau freut sich noch lange über ihren Scherz. Ich mach dann zur ihr, so wie es ein moderner Smartphonejugendlicher machen würde, da sie offensichtlich auf eine Reaktion wartet, um endlich den Laden verlassen zu können, so ein dussliges Daumenhochzeichen. Sie geht dann tatsächlich, als sei das ihr Ziel gewesen. Ich verlasse dann ebenfalls  den Laden und entscheide mich doch dafür weiterhin auf meinem 70er Jahre Klappbett zu schlafen. Ich kann ja die Sprungfedern, die oben aus dem Stoff zaghaft, aber spitz herausrausragen vielleicht durch eine Art Beschichtung ( Moosgummi täte sich vielleicht eignen) abkleben. Auf dem Weg nach hause begegne ich dann zwei von diesen modernen Smartphonemädchen. Ich setze mich spontan auf eine Bank. Die Mädchen gucken aufgeregt in ihr Gerät. Ich vertiefe mich in Baumrinde. Bis ich ein fragendes: „Dusie?“ höre. Nein, sag ich freundlich, Dusie sei ich nicht. Die Smartphonemädchen lachen und erklären sich. Sie wüssten nicht, ob man bei älteren Frauen noch Du sagen dürfe, oder man Sie sagen müsse. Zwischen Du und Sie wackelte das Mädchen mit dem Kopf hin und her wie eine ägyptische Tänzerin. Irre sah das aus. „Das kommt drauf an, was ihr wollt!“ sag ich und zwinkerte altmodisch mit einem Auge. Sie wollten dann wissen, ob Ostersamstag Geschäfte auf hätten. Ich sage, nein und lüge, weil ich nicht will, das die Smartphonmädchen shoppen gehen.
„Aber das Völkerkundemuseum hat auf!“ sag ich. Die Smartphonemädchen gucken mich irritiert an. Ich verabschiede mich schnell, um die peinliche Situation zu beenden. Wie mein Vater! Schiesst es mir durch den Kopf.

© Bettie I. Alfred, 2017

WINTER

Januar 21, 2022

Nach Dürrenmatts Verdacht im Funk einen totalen WINTER-Flash gehabt. Ein irres Stück. Der politische Aspekt wird im Gespräch weitgehend umgangen. Ich lasse auch ab und zu weg. Im Winter ist jedoch alles trotzdem da. Er konserviert Zustände mehr, als jede andere Jahreszeit. Er ist und bleibt meine Lieblingsjahreszeit.

Fundstück

Zuckmayers Stimme

Januar 3, 2022

Und schon ist das neue Jahr in vollem Gange. Der noch weihnachtlich mit einem weißen Spitzentischtuch der Kaiserzeit bedeckte Esstisch wird beim schludrigen Frühstück mit allen Farben bekleckert, die man sich vorstellen kann: braun für Kaffee, rot für Marmelade, gelb für Butter, grün für Tee. Wie immer in solchen Momenten mache ich den Witz mit „die Flecken rausschneiden“. Innerlich bin ich zerknirscht, denn das Tischtuch ist ein wichtiger Teil meiner Aussteuer gewesen. Man muss es so verdreckt ewig in diverse Chemikalien einweichen und mehrmals einem Heisswasserwaschgang aussetzen, um es annähernd wieder weiss zu bekommen. Ich beschliesse beim nächsten Fest nur noch Milch und Eierbaiser zu servieren. Heute muss ich nun mal wieder U-Bahn fahren. Beim letzten Mal fielen mir die Polster auf, die gar keine Polster mehr sind, sondern merkwürdige Sitzschalen, die eine einheitliche Hinterngrösse als Ausgangspunkt haben und es besonders ausladenderen Menschen unmöglich macht bequem zu sitzen. Der Einheitsmensch scheint auch hier bei der BVG auf dem Vormarsch zu sein. Ich überlege welches Buch ich als Lektüre mit auf den Weg nehme. Sicherlich kein mathematisches und auch kein politisches. Die geschenkten (Becketts Watt, Die Freude am Tonband und das Buch von Pic- dem verträumten Seifenblasenclown aus Roncalli) liegen noch wie Heiligtümer unterm Zweig. Ich denke ich nehme etwas vollkommen Nichtssagendes mit, dann muss ich mich nicht so sehr konzentrieren. Einen uralten Baedeker über London! Der Einheitsmensch….. Apropos, ich muss endlich einmal Zuckmayers Stimme ausfindig machen. Thomas Bernhard hat sie in den Himmel gepriesen. Finde etwas im verhassten Netz. Will die Augen vorerst geschlossen halten und wirklich nur die Stimme anhören. Es ist ein Interview. Der Frager setzt ein und ich bin sofort von dessen Stimme gebannt. Mist, habe die Augen dann zu früh geöffnet. Der Einheitsmensch hat keine Geduld. Zuckmayer klingt an sich ganz gut, aber nicht so gut, daß ich zu Träumen beginne. Die Geschichte mit Winnetou (und, dass er ganz offiziell seine Tochter so nannte) lässt mich staunen.
Und wieder habe ich einen Mythos entschlüsselt.

© Bettie I. Alfred, 3.1.22