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Krummstrecke Leben

Januar 14, 2023

Nach 15 Jahren Zahnlücke, ist die Lücke eine Lücke im System Maul. Mit diesem Satz im Kopf, wachte ich heute auf. In der Nacht beschäftigen einen ja meist so ganz andere Dinge als am Tag. Natürlich ist es eine Problem, das nach so vielen Jahren „ohne Gegenüber“ die Zahnreihe über der Lücke eine Beule ins Nichts bildet. Doch muss man sich mit der Zeit doch sowieso an all die entstehenden Unebenheiten an Körper und Geist gewöhnen. Nichts, aber auch gar nichts, ist schließlich absehbar. Und eine Freiheit kommt immer nur durch die Anerkennung einer Unebenheit, niemals durch die Abwehr einer offensichtlich gewordenen Krummstrecke. Um nicht zu verzweifeln gilt es ab und an die selbst verjagten Fröhlichkeiten wieder in einem wachzurufen. Eine gute Möglichkeit ist es nämlich durchaus, sich mit komischen Geschichten aufzuheitern. Solange man diese nicht zwanghaft benutzt, ist es immer eine Befreiung, wenn gelacht werden darf. Das Märchen Schwan kleb an behandelt das Thema einer traurigen Königstochter, die nicht mehr zu lachen vermag. Als eines Tages ganz viele an einem Schwan kleben bleiben, lange eine Klebekette bilden (Unsinn – eine lange Klebekette bilden – sollte es heissen), kann Madame plötzlich wieder lachen. Schwan kleb an, ist eins von vielen Märchen, das den sogenannten Klebezauber benutzt, um eine menschliche Sache deutlich zu machen. Apropos menschlich. Nachdem ich mich über einen menschlichen Stein beschwerte, merkte ich, dass ich dieser selber bin. Vorher war ich empört gewesen, dass dieser Stein, den ich so gerne habe, mich nicht zurück gerne hat. Die Verwechslung ist immerzu dieselbe: das Ich sieht sich im Du und will, dass das Du zum Ich wird. Oder so ähnlich. Im Traum ist alles durcheinander. Alle sind Ich, und Ich sind alle. Jemand sprach mal vom Traum als erlebte Ruine. War es Rolf Dieter Brinkmann? Ich weiss es nicht mehr genau. Der sprach jedenfalls immer von den engen Abteilungen in denen jeder lebt. Ein schönes Bild, die enge Abteilung in der man feststeckt. Ein Liebesroman, den ich lese, ist dann gar keiner, sondern das Gegenteil, im Grunde ein Buch darüber, dass man auf keinen Fall in Liebe fallen sollte. Ich hatte alles übersehen: die Kühle um die es immerzu gehen soll, war das Thema, nicht die Wärme! Als ich es dann sah, sah ich es klar und deutlich, nämlich wie der Autor sein Boot an den eigenen Gefühlsmauern entlang schipperte und keinerlei Durchschlupft zur Schwäche fand. Man gefällt sich im Kühlsein und unterläuft somit die Lösung. Oder so ähnlich. Ich lese dann überkreuz weiter, mal Wense und mal den anderen Autor. So kommt es dann zu einer Art Geschehen im Kopf mit entsprechendem Ausgleich. Heute strahlender Sonnenschein und Wind. Was soll das? Starte heute einen ersten Versuch mich auf etwas ausnahmslos zu konzentrieren. Klar, der Versuch ist immer nur ein Versuch und ist doch das Schönste, wenn er glückt.

© Bettie I. Alfred, Berlin, 14.1.23