PROSA

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Das Innenleben muss das Aussen überbieten (2009)

Alles gehört zusammen. Der Mensch, das Tier, das Wetter, das Finanzwesen, die Kunst, die Ernährung. Den Zusammenhang nennt man in der Fachsprache das Hen Kai Pan. Sieht man in diesem Sinne auf die Welt, gibt es nichts, was nicht dazu gehört. Alles passt irgendwie irgendwo zusammen. Alles hat einen Hintergrund, nichts geschieht ohne tiefen Sinn. Sigmund Freud, den der Vater gerne las, hat alles erklärt. Besonders die ödipale Verstrickung war ihm ein Anliegen. Das Überich immer dabei, die Triebabfuhr, das Gewissen etc. Jeder trägt seinen Abgrund dabei anders spazieren. Und man kann nur schwer einen Unterschied fest machen zwischen den Menschen, die sich äusserst diverse zwar, aber doch irgendwie mit ähnlichem Hintergrund, versuchen auszudrücken und jenen die schweigen, immer führt der Weg zum Zaudern aus Scham und Scheue. Jeder will dabei irgendetwas vertuschen, weswegen es ja auch ver-tuschen heisst (Tusche auf etwas auftragen, um es nicht mehr sehen zu müssen – Falten im Gesicht…. graues Papier soll unter bunten Farben verschwinden). Selbst die lustigen Filme und Zeichnungen eines Tex Avery sind entstanden, um die Vergangenheit seines immerzu auf der Couch herumlungernden Grossvaters zu verschleiern. Auch Menschen, wie ich, müssen ihre ab und zu lähmende Abulie (Willenlosigeit durch eine Unterfunktion des Drüsensystems) immer wieder aufs Neue verarbeiten. Die Kunst bietet sich da ja immer an, egal, was es zu verschleiern gilt, denn jeder Abgrund kann damit abgefedert werden, wenn man es denn gut zu beherrschen lernt ein Problem kreativ zu maskieren. Mein Vater wollte immer Lehrer werden, wie viele, die einfach gerne anderen, insbesondere den kleinen Menschen, sprich Kindern, sagen wollen, was diese tun und was sie lassen sollen, auch, um nie wieder selbst etwas von Überlegenen gesagt zu bekommen. Bei vielen ist es so, ob es bei ihm der Grund war, kann ich nicht genau sagen. Interessanterweise erzählte er, mein Vater, mir neulich in einem Gespräch darüber, wie sehr sich das Lernen im Laufe der Zeit verändert hat, dass er noch die sogenannte Sprechspur gelernt hätte. Das sei eine gestaltphonetische Schrift gewesen, bei der Sprache und Schrift in Übereinstimmung gebracht wurden. Aha! Eine gestaltphonetische Schrift, bei der Sprache und Schrift in Übereinstimmung gebracht werden. Ich konnte mir darunter nicht wirklich etwas vorstellen. War dann auch weiterhin in meiner Vorstellungskraft vollkommen blockiert, zu viel des Guten. Mein Vater deprimiert mich manchmal in seiner szientistischen Exaktheit. Schon als ich erst vier Jahre alt war versuchte er möglichst erwachsen mit mir zu sprechen, in jedem Satz Bildung vorweg zu nehmen. Dies sollte wohl dazu führen, dass ich besonders klug werde. Es führte jedoch lediglich zu einem Gefühl der starken Überforderung und immerzu zu einer Art Gegenreflex zum geistigen Arbeit, ich wollte Händchenhalten und gedrückt werden. Später dann hatte ich vielleicht aus jener Überforderung heraus ein Faible für Menschen ohne Schulbildung entwickelt. Bis heute bin ich zerrissen, was mein Interesse für Menschen betrifft. Möchte ich mich an einem Tag ausschließlich mit Gedankenmenschen umgeben und selbst als eine Art Wissenschaftlerin enden, sehne ich mich am anderen plötzlich danach nur noch einer gewissen Dumpfheit zu frönen und das Striche und Linien zeichnen reicht. Habe ich zu viel mit klugen Menschen zu tun, möchte ich ganz plötzlich, ähnlich wie ein Optokoppler einen Kurzschluss verhindern soll, mit einer Art Klugheitsboykott durch Ohrenverschließen verhindern, daß ich durch zu viel Bildung und Wissen verlerne spontane Hallogeschäfte mit der Unterschicht zu tätigen. Doch da ich keine Schriftsetzerin, sondern eine Schriftstellerin (ohne Werk, doch so what.., heute haben alle Werke, und die ohne sind inzwischen mehr unique als die mit) geworden bin, muss ich immer damit rechnen klug angequatscht zu werden. Denn, mit der Wahl dieses Berufes, trage ich nun mal das Label: Denkfähig auf der Stirn! Nur Kinder und Tiere verhalten sich mir gegenüber in Bezug auf den Schriftstellerinnenberuf weiterhin vollkommen ohne kastenhafte Voreingenommenheiten.

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Aus meinem Mantelinnenfutter quillt weisser Füllstoff heraus. Manchmal, wenn ich ihn offen trage, kann man sehen wie verrottet das Material inzwischen ist. Ich liebe diesen Mantel und werde ihn, trotzdem es an der Zeit wäre, nicht ersetzen. Hier bin ich ein ausgesprochener Trotzkopf. Doch mit einer innerlichen Überzeugung, die wissenschaftlich betrachtet weitaus mehr beinhaltet als nur das klassische Trotzverhalten. Es geht mir um eine Haltung. Die Haltung ist die: Das Innenleben muss das Aussen überbieten. Und zwar immerzu, sonst macht das Leben keinen Sinn. Natürlich beneide ich die Katze mit ihrem wunderbar gestreiften Anzug, auch ich hätte ihn gerne als Mantel. Doch, der grosse Unterschied zum Luxusweibchen, dass sich andauernd in Seide hüllt, ist ganz klar der, dass die Katze nicht weiss, wie schön sie ist.

© Bettie I. Alfred, 2009

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Der Trauerkloß (2011)

Manche Tage beginnen komisch. Ein Tag begann schon mit einem merkwürdigen Erlebnis in der Nacht. Ich lag im Bett und schlief und hatte ganz plötzlich das Gefühl, dass sich in diesem Moment, den ich gerade schlafend durchlebte, mein deformierter Hammerzeh wieder in seine Normalstellung zurück formte. Am Morgen guckte ich dann gleich nach, doch es war Wunschdenken gewesen, er war geformt wie eh und je. Träume sind oft Schäume.
Dann guckte ich in meine Post und entdecke eine Nachricht.

Sehr geehrte Frau Alfred,
vielen Dank für Ihre Bestellung:
Martin Schoeller: Abschied von Bitterfeld ; Göttingen, Steidl, 2004
Kosten: 39,00 Euro

Ich überlegte, wie ich dazu käme mir einen Bildband über Bitterfeld zu bestellen. Ich fand keine Antwort, die die Tat erklären könnte. Ich löschte die Nachricht, doch sie kam immer wieder. Ich begann, um mich abzulenken, an meinem autobiografischen Roman ( AT: Die Milben meiner Kindheit ) weiter zu schreiben. Der erste Satz war und ist das einzige, was ich (inzwischen ist das Buch auf  400 Seiten angewachsen) wirklich gut fand und immer noch ist es so. Er lautete: Ich wurde mit einem  birnenförmigen Köpfchen geboren. Ich hörte dann wieder auf zu schreibenDann war es fast schon wieder Abend, so wie es den Tag davor um dieselbe Uhrzeit auch schon wieder fast Abend gewesen war und ich fragte mich, ob es angehen konnte, dass ich die nächsten Jahre immerzu am Abend um dieselbe Zeit ins Bett gehen würde und ebenfalls immer wieder wegen dem Kaffee, den ich am Nachmittag getrunken hatte, nicht müde sein würde und deshalb immer wieder viele Stunden erstmal nicht einschlafen, sondern lediglich unruhig herumliegen täte.
Kaffee am Nachmittag oder gar Abend, egal bei welchem Wetter, ist Quatsch.
Der Mensch jedoch ist und bleibt ein ewiger Wiederholungstäter. Ganz selten versteht er sich darauf Rituale zu durchbrechen. Ich bin genau dieser Wiederholungstätertyp. Immer wieder reibe ich mir zudem, wenn ich mein Gesicht mit viel zu viel Creme wegen enormer Faltenangst einmassiere, etwas von jener brenzlichen Lotion versehentlich ins Auge. Dann tränt es und „Mann“ denkt, wie immer, wenn „Mann“ mich so sieht, ich hätte Trauergefühle. Ich sage ihm dann: „Diesmal nicht, es ist die Creme!“
Natürlich habe ich ab und zu Trauergefühle. Oft ganz spontan, besonders beim Frühstück kommen oft Trauergefühle und durch diese Trauergefühle wird die Stimmung schlecht und die Tränen schießen ohne Kontrolle aus meinen Augen. Meistens gibt es jedoch einen ganz offensichtlichen Auslöser. Oft ein Thema, das das Radio anschneidet. Themen, wie Liebe oder das Gegenteil von Liebe, Hass, sind oft Auslöser für Trauergefühle. Auch Lieder, in denen Liebe oder das Gegenteil thematisiert wird, ergreifen mich, obwohl sie meist schlecht sind, also schlecht gemacht sind, ohne Mühe, spürbar nur mit einem aufs Finanzielle schielenden Auge gemacht sind, mit billigen Worten darin, die den Zuhörer ans Gerät saugen sollen. Trotzdem ergreift mich dieser Schleim und ich schluchze ohne Kontrolle ganz plötzlich herum. Ein frohes Gemüt und doch nah am Wasser.
Der Mitbewohner bekommt es meist erst gar nicht mit und redet so wie immer weiter vor sich hin und dann sieht er plötzlich zu mir und ist erstaunt, dass ich verheult bin, und kann dann aber keinen Zusammenhang herstellen. Also zwischen den Tränen und dem was gerade noch war. Nämlich nichts, äußerlich nichts, innerlich der Dammbruch.
Nach Jahren von Frühstückssituationen hat „Mann“ dann aber doch ab und an schon ein bißchen vorher, also bevor ein solches trauererzeugendes Thema im Radio kommt, so eine leise Ahnung und fragt dann, wenn es soweit ist, einfach nach, damit er eventuell nachvollziehen kann, was gleich wieder los ist: „Ist es das Thema oder die Vertonung?“  Oft ist es beides und manchmal auch noch das diesige Wetter und das kaputte und splittrige Furnier der Tischplatte dazu. Für ihn, den männlichen Teil der Wohngemeinschaft, unvorstellbar, dass ihn Radiomusik und ein Wort wie Rückblick oder gar die Splitterung des Holzfurniers traurig machen könnte. Dafür weint er, „Mann“ dann beim Geruch alter Stempelkarten aus der S-Bahn, oder bei dem Geräusch, das eine S-Bahntür bei der Öffnung macht. Das er, „Mann“ übrigens auf Band besitzt.
Jeder trägt ja einen Trauerkloss in sich. Das weiss man nur oft nicht, weil die Menschen sich meistens so gut im Griff haben, dass sie sich selbst nicht gut kennen. Wenn ich Rührung unterdrücke, bekomme ich sofort im Hals einen Kloss. Eben den weltbekannten Trauerkloss. Der tut manches mal richtig weh. Was dann hilft ist dasselbe, was auch bei einem Lachanfall hilft: Der Biss auf die Zunge. Zeitweise ist es aber auch mal genau andersherum und die Stimmung steigt, ohne grosse Ankündigungen vom ZNS abrupt an. Der Ansager im Radiogerät sagte z.B. einmal eine Band an, von denen gleich ein Song gespielt würde. Er sagte, dass jetzt die Band „The Bietz Boys“ käme. Er war ein Holländer und sprach das Wort Beach ganz speziell aus. Es amüsierte mich dann sehr und ich lachte und freute mich den ganzen Tag über meines Lebens.
So kann es natürlich auch sein.

© Bettie I. Alfred, 2011

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Konzentrieren (2014)

Habe einmal ein Interview mit einem berühmten Tormann gelesen. Der hatte einen Charakter, der meinem Charakter so ganz entgegengesetzt war. Er war nämlich ein Sichkonzentrierwunder. Wahrscheinlich muss man das als Torvorsteher sein, ich kenne mich da nicht so aus, vermute es aber, dass es so ist. Er war wohl einer der Besten in seinem Jahrgang. Das brachte ihm sehr viel Anerkennung ins Haus.
Ich glaube, wenn ich, die mit der Eigenschaft Fahrigkeit gut beschrieben ist, der Torwart von einem Fussballverein wäre, dann wäre der Verein ein einziger Pleiteverein, denn ich würde vor Aufregung, wenn sich ein vorschneller Spieler mit dem Ball meinem Tore nähern würde, vor lauter Angst davonlaufen. Und dann -puff-, wäre er drin, der Ball, der kleine runde. Die Angst des Torwarts…usw.
Ich war immer schon sehr schnell von Angst zerfressen. Besonders im sportlichen Bereich, wo ja aber Mut gefragt ist. Ich bin jedoch, trotz meiner nicht vorhandenen Torwartbegabung, wenigstens eine gute Schiesserin. Mit Angst kann man wohl besser Schiessen als daß man Schüsse gut abwehren kann. Das ist ja auch im übertragenen Sinne so.
Vor ein paar Jahren, als ich mich noch gerne bewegte, spielte ich ab und zu sonntags mit einem Freund ein bißchen Fussball. Und dann sagt der Freund jedes Mal zu dem einen Zuschauer, der sich dann manchmal eingefunden hatte, weil er vielleicht Langeweile gehabt hatte und sich mit dem Zuschauen ein wenig die Zeit vertreiben wollte: “Toll, sie kann beidfüssig!“ Das machte mich dann jedesmal, denn er sagte es tatsächlich jedesmal, merkwürdig stolz, denn er hängte immer noch an: „Wie Podolski!“ (Podolski ist ein profesioneller Fussballer).
Doch leider ist das beidfüssig Schiessen können dann auch schon alles, was ich
(neben ganz gut schnell einschlafen) wirklich kann. Beidfüssig schiessen. Und, etwas, was Geduld erfordert und zu nichts nütze ist: kaputte Porzellansachen sehr präzise wieder zusammenkleben. Dieser Vorgang erfordert Akribie, die ich sonst im Leben nicht bis selten parat habe, jedoch ausgerechnet bei dieser Art von Tätigkeit merkwürdigerweise ohne grosse Mühe aufbringen kann. Der Sekundenkleber an den Finger ist mir zwar nicht angenehm, aber doch erträglich. Man braucht lange, bis man ihn wieder entfernt hat. angeblich kann man mit ihm auch Wunden kleben.
Am Ende jedenfalls ist der Kannendeckel (als Beispiel nur) wieder benutzbar. Nicht schön anzusehen, aber wieder benutzbar. Der Vater war nicht gut im Kannendeckelkleben, er musste dabei oft weinen, weil ihn das an schlimme Zeiten erinnerte. Ich vermute zumindest, dass das der Grund für seine Tränen gewesen ist. Er war besser in geistigen Tätigkeiten. Sogar herausragend.

© Bettie i. Alfred, 2014

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Altmensch nicht, sehr wohl aber Altvogel, das ist typisch Mensch

Bei meinen gefiederten Freunden, also sprich bei den Vögeln, heisst die Mutter nicht Mutter, sondern „Altvogel“. Das habe ich in einer Vogelsendung von einem Spezialisten erfahren. „Altvogel“. Ich mag das Wort nicht, es klingt nach Altpapier oder nach Altbatterien. „Der Altvogel muss die Kleinen durchbringen!“ Sagt der Vogelspezialist. Beim Menschen sagt man „Mutter“ oder „Vater“ und nicht „Altmensch“. „Der Altvogel muss die Kinder durchbringen“, sagt der Vogelfachmann dann ein weiteres Mal ins Mikrophon. Das klingt irgendwie nach einem aussichtslosen Unterfangen. Das liegt am Wort „durchbringen“. „Altvogel“. Das ist irgendwie typisch Mensch, daß er einem Tier so ein Wort verpasst und sich selbst jedoch damit vollkommen verschont. „Die Mutter“ oder „der Vater“ heisst es bei uns Menschen.
Der Mensch behandelt Tiere, denen er solche Namen gibt, von oben herab. Er steckt diese ja auch gerne in Käfige, hält sie in kleinen Wohnungen, wäscht sie, frisiert sie, pudert sie, alles ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei ist ein Tier im Gegensatz zu uns biologisch sinnvoll. Es gibt keine einzige Tierart, die keinen Sinn macht. Ganz im Gegensatz zum Menschen, der im System Welt vollkommen überflüssig ist, da er ausschließlich Ressourcen verschwendet und der Welt nichts Brauchbares zur Verfügung stellt, nichts was sie bereichern täte. Schon gar nicht nimmt er ihr etwas weg, um sie zu schützen. Natürlich sind seine geistigen Exzesse ungeheuer interessant und das Einzige, was ihn wirklich wichtig macht und bei all dem Ärger und Stress, den der Mensch auszuhalten hat unbedingt Bewunderung verdient. Doch sollte er immer abwägen, was das Maß an Denkvorgängen betrifft. Denn verliert der Kopffüssler komplett seinen Bauch, der ja das Zentralorgan des Menschen ist, verlernt er zu tasten. Die Phantasie bei beidem anwesend, insofern der Kopf und der Bauch, ein gutes Team.
Das kann ein Tier natürlich nicht: Phantasieren. Doch ohne einen Menschen, der die Bücher, die des anderen Phantasie hervorbringt, gerne liest, oder die Filme, die der andere macht, gerne schaut, ist auch das alles im Grunde genommen vollkommen überflüssig. Produziert der Mensch anstatt Gedanken Plastikmüll, was er ja meistens tut, ist das schon ein Grund, warum der Gedanke, daß er sich selbst ausrotten wird, ein durchaus guter ist. Ein Tier besteht zu 100 % aus Natur und produziert keinen Plastikmüll. Alles, was das System zum Umkippen bringen kann, hat ganz allein der Mensch geschaffen.
Ein Tier, und besonders ein Vogel, ist ein Wunderwerk der Natur und eine Vogelmutter verdient nicht den Namen „Altvogel“. Nicht einmal eine 99-jährige Menschenmutter darf bei uns Menschen „Altmensch“ genannt werden. Das ist in meinen Augen eine Ungerechtigkeit sondergleichen.
Der Mensch ist immer wieder ein „Haudrauf“. Draufhauen, das tut er tatsächlich gerne, besonders mit seiner Sprache. Immer wieder ein Scheusal dieser Mensch im Gegensatz zum Tier. Man kann seine Mentalität sehr gut auf Bildern erkennen, die während der Faschingszeit von ihm aufgenommen werden. Menschen mit merkwürdigen Verkleidungen und roten und verzerrten Gesichtern, deren Mimik meist von einem Übermaß an Alkoholkonsum herrühren, fühlen sich, so wirkt es zumindest auf mich, wenn ich diese Fotografien anschaue, überlegen. Ihr Ich zeigt sich in diesen Momenten als aufgeplusterte Narrenkappe und kann nur schwer oder gar nicht, in die Welt integrieren werden.

Bettie i. Alfred, 2014

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5

Verfluchte Eitelkeiten (2017)

Das Leben ist meist beschwerlich. Immer stört etwas oder jemand, und man selbst sowieso auch oft andere oder sich selbst. Doch ab und zu gibt es dann doch den Moment, dass man sich im schmalen Korridor der Zufriedenheit befindet. Das ist dann angenehm. Mit der Zeit befindet man sich immer öfter in diesem Korridor, denn man lernt sich so zu verhalten, dass man nicht andauernd an seine Grenzen stösst. Nach vierzig Jahren Leben hat man wohl meistens einen Weg aus dem Labyrinth der Kloake Alltagsleben gefunden. Man weiss, was man in welchen Mengen frühstücken muss, um nicht müde, sondern wach zu werden. Oder dass einem Birnenschnaps nicht bekommt. Auch dass einem Pfennigabsätze nicht stehen und man mit ihnen Gefahr läuft umzuknicken, weiss man und greift zu den gepolsterten Arbeitsschuhen. Man weiss vieles tatsächlich besser, wenn man sich oft stark (im übertragenen wie im direkten Sinne) den Kopf gestossen hat. Man kann Dinge dann immer besser abschätzen. Das war anders, als man jung war. Man hat sich immerzu vertan. Alles machte man im Grunde andauernd so… ja so, dass es nicht hinhaute mit allem und somit auch nicht mit dem, was man Glück nennt. Man strebte als junger Mensch immer direkt hinein ins Unglück. Nicht nur versehentlich, auch gezielt, weil man meinte, dass da im Unglück, dort tief drinnen im Unheil, das da und nur da, das wirklich aufregende Leben sei. Aufregender als das Leben im Glück, das einen schon beim bloßen Gedanken daran zu langweilen begann. Aufregend war das Leben im Unglück ja dann auch, jedoch war aufregend ja nicht unbedingt besser. Gut ist die Aufregung ja nur, wenn man in einer Starre feststeckt und man aus ihr herauskommen will und einem das Aufbäumen im Glück einfach nicht gelingen will. Manchmal reicht jedoch das Schnuppern am Unglück schon und da kann es dann gut sein, wenn man an einem Verkehrsknotenpunkt wohnt, wo andauernd etwas vor dem Fenster, und beim Schauen dann auch mit einem selbst passiert.
Einmal steckte ich ganz fest im Glück und trotzallem ein gedanklich im Hamsterrad des Lebens fest. Ich kam nicht mehr heraus aus ihm, dem Rad und auch aus mir. Immerzu kreiste ein Gedanke in meinem Kopf herum, so dass ich komplett in meiner Freude war und doch gebremst von einem Gefühl der Lethargie und Langeweile. Natürlich war es ein Gedanke der die Kindheit nicht ausließ, sondern im Gegenteil, diese so stark fokussierte, als sei sie, also die Kindheit, erst gestern beendet worden. Just in dem Moment, wo ich am Höhepunkt, der gleichzeitig ein Tiefpunkt war,  angelangt war, verkeilte sich vor meinem Fenster dann ein sogenannter Knickbus der Berliner Verkehrsbetriebe in einem zu eng geratenen Wendekreismanöver. Ich sah das Ganze Vorgehen erst vom Fenster aus, dann schließlich Balkon aus, und geriet umgehend in eine Verzückung. Der Bus hatte sich schließlich so sehr in sich selbst verkeilt, dass der Fahrer ihn nicht mehr zum Weiterfahren bewegen konnte. Das Getriebe quietschte enorm laut und der Antrieb reichte eben nur noch um dieses Quietschen hervorzubringen, der Bus jedoch blieb bewegungslos in der Kurve stehen und durch seine enormen Ausmasse blockierte er sehr viel, sogar fast die Fahrbahn gänzlich.
Innerhalb weniger Minuten bildete sich eine enorme Autoschlange und als ein zweiter Bus kam und vorbeifahren wollte, war der Ofen aus. Nichts ging mehr, in keinerlei Richtungen. Einige Autofahrer flohen, aus Angst nie mehr von dort, wo sie nun standen, wegzukommen, dreist über den einzig freien Weg, den Fußweg, auf dem sich Fussgänger mit Sprüngen zur Seite retten mussten.
Der Busfahrer versuchte inzwischen immer wieder den Motor zum Laufen zu bringen, doch es funktionierte nicht, zu verkeilt in sich selbst war er. Nach einer Weile standen einige beratende Menschen an seiner Scheibe und andere Busfahrer standen dem Verursacherbusfahrer fraglos zur Seite, in dem sie um den Bus herumliefen und die Knickstelle begutachteten. Irgendwann sperrte Polizei die beteiligten Strassen und ein Abschleppdienst versuchte den riesigen Bus in eine Position zu bringen, die es möglich machen würde das Gefährt durch eine Streckung wieder fahrbar zu bekommen. Dazu musste der Abschleppmensch immer wieder eine enorm lange Abschleppstange am Unglücksbus befestigen und ihn dann im Schneckentempo hin und her rangieren. Er, der Abschleppmensch, stieg sicher an die 30 Mal aus seinem Führerhaus aus und kurz darauf wieder ein, immer wieder, um zu prüfen, ob der Winkel stimmt und um den Bus bei der Streckung nicht zu beschädigen. Dazu musste der Busfahrer, dem sicher noch der Schock im Nacken sass, richtig lenken, was eine harte Arbeit zu sein schien, da der Bus hinter der Knickstelle immer wieder die falsch Richtung einschlug, was ihn ab und zu nicht ent -, wie geplant, sondern noch mehr zer-knickte. Dann schrie der Abschlepper immer plötzlich „Stop!“ und das herumstehende Volk zuckte wie in einem Musical eine synchron agierende Tanzgruppe, zusammen.
Die ganze Geschichte dauerte stundenlang und meine Gedankenschleife aus der Kindheit war wie weggeblasen durch diesen wunderbaren Unglücks-Vorfall.
Es sind ja tatsächlich nicht immer die leichten Themen, sondern oft die düsteren Kleinigkeiten, die einen in eine immense Zufriedenheit treiben können. Beim Wandern durch den Park in der Bullenhitze eines Sommers, bemerkte ich einmal, dass ich die falschen Schuhe trug. Diese Wildlederstiefel, die ich extra, in Voraussicht von Regen mit einem gasförmigen Imprägnierungsspray behandelt hatte, um sie vor Wasserdurchlässigeit zu beschützen, waren definitiv eine Fehlentscheidung gewesen. Die Füsse litten sehr unter dem rigorosen Luftabschluss und zu viel Wärme. Ausziehen wäre die einzige Möglichkeit gewesen, jedoch hätte ich dann die Stiefel in den Händen tragen müssen, was mir damals albern erschienen war. Somit stapfte ich schwitzend weiter.
Innerhalb von Minuten wechselte damals meine Stimmung, das weiss ich noch wie heute, von der Freude, die ich sozusagen oberhalb des Fußbereichs über die durchaus als positiv empfundene Körpererfahrung durch das Wandern in wunderbarer Sommerluft erfuhr, in einen Zustand der absoluten Verzweiflung. Um diese Verzweiflung zu verstecken, setzte ich schließlich mein Abwehrgesicht auf, wie ich es immer tue, wenn mich niemand als ansprechbar wahrnehmen soll. Ich hockte mich dann schließlich vor Erschöpfung ins Gras und wartete auf Besserung. Die kam jedoch nicht und ich ging dann doch schleunigst, um meine Füsse von den Qualen der übermässigen Hitze zu befreien, auf Umwegen, was mir erst klar wurde, als ich im Nachhinein die Karte studiert hatte, heim. Dann lief ich den Rest des Tages barfuss in der kühlen Küche umher. Die durch die übermäßige Wärme entstandenen Druckstellen waren dann deutlich sichtbar. Zuhause war das jedoch kein Problem, „Mann“, der mit mir wohnte, war kein Ästhet und ihm war es völlig egal, wie meine Füsse aussahen. „Mann“ erleichterte im übrigen immer vieles, besonders wenn frau so ein Eitelfritz ist, wie ich es bin. Eine wirklich unangenehme Eigenschaft diese permanente Gefallsucht. Liegt die Locke vom Haar falsch, kann das gleich die Stimmung drücken. Die Frisur, sowieso ein Thema, das immerzu noch sehr schwer zu bewältigen ist. Das Gesicht, sowieso ein endloses Thema, immer anders, als erwartet, wenn ich mich im Spiegel anschaue.
Ein Eitelfritz zu sein ist wirklich ungeheuer lästig. Es bereitet einem somit immerzu  grossen Stress gediegen auszusehen, weil man ja doch so gar kein Gefühl dafür zu haben scheint, was es eigentlich bedeutet gediegen auszusehen, solch einen Stress nämlich, dass man ein Lied davon singen muss, um sich wieder beruhigen zu können. Im Grunde beneidete ich den dickbauchigen Busfahrer mit dem feuerroten Bluthochdruckgesicht, der sowieso, da konnte er machen, was er wollte, niemals gediegen aussehen würde und es auch gar nicht wollte. Es machte für ihn gar keinen Sinn sich Gedanken darüber zu machen, wie er am besten ein gediegenes Aussehen erhielte, fühlte sich im Bus gebraucht und zumindest nicht unwohl. Auch schwitzen konnte er ganz ohne, dass sich jemand darüber wundern würde, tat ich das, guckte man und die Stiefmutter zischte immer ein: Du müffelst!
Die Eitelkeit ist eine der anstrengendsten Krankheiten des Menschen. Man lese dazu „Die Komödie der Eitelkeit“ von Elias Canetti. Den Faden verlor ich am Ende, doch das kann ich nicht ändern.

© Bettie I. Alfred, 2017

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6

Selbstverwaltung

Der Schallschatten hat die Sicht auf die Innerei verdeckt. Ein schöner Satz aus einem Wartezimmer. Als ich wieder nach Hause komme hört „Mann“ sogenannte Gastarbeitermusik. Musik aus dem Kreuzberg der 70er Jahre. Gastarbeiter singen über ihre Erfahrungen in deutschen Betrieben. „Mann“ fühlt sich wohl, wenn er diese Musik hört und singt sogar ab und zu laut mit. Er saugt immer alles auf, was ihn an seine Kindheit auch nur im Entferntesten erinnern könnte. Ich verstehe das gut, finde es auch phänomenal, dass man, zumindest geistig, z.B. durch das Hören von Musik, vollkommen regredieren kann. Ich habe sowieso das Gefühl, dass die Regression eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen ist. Hätte er sie nicht, würde er viel schneller altern und ganz fix ein freudloser Mensch der Gegenwart werden. Obwohl ich, um ehrlich zu sein, vor ein paar Tagen genau das Gegenteil dachte: Regression, ein Unglückszustand. Ein Mensch, der z.B. schlimme Erinnerungen hat, die seine Lebensfreude gänzlich blockieren, könnte eigentlich im Falle, dass er einen Unfall erleidet, in dem sein Erinnerungszentrum ausgeschaltet wird, von Glück reden.
Man kann wohl doch keine allgemein gültigen Aussagen über das Leben treffen.
Gerade las ich in einer Zeitung wie gut das Zusammenleben von Kindern und Tieren für die emotionale und geistige Entwicklung der Kinder sei. Kinder würden sehr viel über die Sprache der Gefühle bei Tieren lernen und dieses Gelernte auf den Menschen übertragen. Insofern würden sie weitaus bessere Sensoren für die menschliche Kommunikation ausbilden, als Kinder, die ohne Tiere aufwüchsen. Mir leuchtet das alles sehr ein, bin ja selbst ein Tierfreund und könnte gar nicht ohne leben. Jedoch sind fast alle Kinder, die ich kenne und die mit Tieren lebten, nicht unbedingt das geworden, was man feinfühlige Menschen nennt. Mir fallen tatsächlich auch hauptsächlich Familien ein, in denen riesige Hunde in Betten mit Kindern schliefen und zerzauste Kaninchen in Zimmern umher hoppelten, bei denen die Kinder dann alle in einer Spieltherapie waren, weil sie alles andere als kommunikativ und glücklich gewesen waren. Tiere helfen wohl nicht immer.
Ich finde das wirklich schwierig, wenn in Zeitschriften und Zeitungen dermaßen einseitig von etwas berichtet wird. Es geht dann wohl doch mehr um den Wohlfühlfaktor des Lesers, den er beim Lesen haben soll, als um eine offene Auseinandersetzung mit einem Thema. Es wird schnell klar: Der Mensch braucht das Tier, das Tier ihn jedoch nicht!

Ich setze mich dann, nach all den Gedanken, zum Arbeiten an den Arbeitstisch. Eine neues Hörspiel stand an. Es ist jedoch schwierig, wenn „Mann“ Gastarbeiterlieder hört und lauthals mitsingt, im Nebenzimmer sitzend, an einem filigranen Kunsthörspiel zu arbeiten. Ich bin jedoch mal „ganz leise“, wie man so sagt, hab ja auch ihn jahrelang mit Musik genervt, die ich beim Schreiben hörte, um in eine besondere Stimmung zu kommen. Er hielt es aus, nun hielt ich es ebenso aus. Das ist so eine Art Deal, den man macht, wenn man ein Paar in einer Wohnung bildet.
Ich schaute dann mal wieder aus dem Fenster und warte auf Schneeflocken. Da winkte mir von unten jemand herauf. Wer war das bloss? Ich erkannte ihn nicht. Doch ich winkte zurück, wie im Sommer, wenn die Dampfer am Kanal entlangschippern und die Kinder nach Erwiderung ihres Gewinkes lechzen. Dann fühlte ich mich plötzlich wie die Bartagame aus dem Echsenbuch. Bei denen gibt es eine ihnen typische Verhaltensweise. Das sogenannte „Ärmchendrehen“. Man kann auch Beschwichtigungswinken dazu sagen. Das Tier bewegt dabei ein Vorderbeinchen ganz schnell hin und her. Damit signalisiert der Unterlegene einem Ranghöheren, dass es keinen Anspruch auf dessen Höherstellung erhebt. Es handelt sich also um das Gegenteil eines klassischen Territorialverhaltens. Territorialverhaltensweisen sind mir unangenehm. Ich denke dabei an das Verhalten von Mitschülern in den 80er Jahren, auf dem Schulhof, die dich nicht in ihrer Nähe duldeten, weil du nicht zu den „Angesagten“ gehört hattest. Meistens waren es Haschischraucher, die sich ohne Stoff klein und hilflos fühlten und ausschließlich durch den Konsum der Droge ein Leben fern von Minderwertigkeitsgefühlen führen konnten. In meiner Jugend waren viele Schulen ein einziger Drogenpool. Im Rückblick bedauere ich es übrigens sehr in die hässlichste aller Zeiten, die 80er Jahre, hineingeboren worden zu sein. Am liebsten wäre ich in den 50er Jahren in West-Berlin ans Gymnasium gegangen. Berlin war nämlich ganz vorne mit der Schülerselbstverwaltungsidee. Es gab sogar in jener Zeit ein sogeanntes Schulfunkparlament. Ich frage mich, woher ich das eigentlich weiss. Sicher habe ich es irgendwann einmal vom Vatertier erzählt bekommen.
Dann  riecht es auf einmal stark nach Faulgas im Zimmer. Das ist, wenn es regnet und der Kohlenofen schlecht zieht so. In den Kohlengruben hatte man übrigens immer einen Kanarienvogel im Käfig dabei, um, falls er tot von der Stange kippte, zu wissen, dass bald der Sauerstoff zur Neige ging. Mit einer Kohlenmonoxidvergiftung ist nicht zu spassen, weswegen ich schon oft dachte, diese Methode zu übernehmen. Doch, da ich Vögel in einem Käfig nicht ertragen kann, wurde nie etwas daraus. Manchmal erschrecke ich mich, wenn ich morgens ins muffige Zimmer trete, wo der  Kater unbewegt am Ofen liegt und (angeblich) schläft. Bis jetzt war es jedoch immer so, dass er tatsächlich schlief.

© Bettie I. Alfred, 2018


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