Ich sitze da, am Tisch, der Schreibtisch heisst und an dem ich meist einfach so sitze, ohne etwas daran zu schreiben. Ich friere. Der Ofen ist aus, aus den Ritzen der, sicher schon seit den 80er Jahren, vor sich hin verrottenden Fenster, zieht es. Ich ziehe den rot-gelb-schwarz-karierten Mantel an, der viel zu kurze Arme hat, und sitze dann nicht im warmen, aber in einer Art lauwarmen Bereich herum, und schreibe am Tisch, der Schreibtisch heisst und eigentlich Tipp – oder Sitztisch heissen müsste. Seit einer Woche nun, ohne Vorwarnung, mit dem Tod befasst. Gestern dann zum ersten Mal eine Stirn ohne Leben berührt. Aus dem Nebenzimmer macht es klackklackklack. Einer übt rhytmisches Klopfen. Es hilft ihm sich wegzuklopfen aus den traurigen Todesreignissen. Ich soll nun den Schubert für die Beisetzung durchhören. Alfred Brendel schaut mich keck vom CD-Cover an. Er liegt mahnend auf dem Schreibtisch, der, wenn ich die Musik anmachte, zum Hörtisch werden würde. Ich säße dann genauso da wie jetzt, nur dass die Finger nicht tipselten, sondern was anderes machten.
So karg wie dieser Januar, war noch nie ein Januar in meinem Leben gewesen. Es ist ein echter Totenjanuar. Ich lebe aber noch. Komisch, dabei dachte ich immer, dass ich vor allen anders „abnippeln“ würde. Ich war ja immerzu so übermütig gewesen, und zugleich wollte ich nicht recht am Leben teilnehmen. Sie, die Tote wollte das. Immerzu wollte sie teilnehmen – irgendwo. Sie war sozusagen teilnehm-süchtig. Man kannte sie in den einschlägigen Kreisen. Man sagte „Ahhhh!“ wenn sie erschien. Sie kleidete sich, wenn sie das Haus verließ, wie eine Baroness. Viel Geschmeide um den Hals und um die Handgelenke. Ich liebte nur ganz winzigen Schmuck, den niemand sehen konnte, eben weil er so klein war. Ich trug immer den selben, winzige Oghrstecker, hatte sie für 1 € ersteigert – inklusive Versand. Sie trug das Tausendfache. Ich war eine wertlose Person. Das war praktisch, weil ich keine Konkurrenz machte. Nur als Kind, da war ich gierig und stahl ihr gleich am ersten Tag ein Halstuch mit Goldfäden drin. Daraufhin schallte man mich und ich gab es, in Peinlichkeiten mich windend, zurück. Sie schenkte mir aus Mitleid dann ein ähnliches. Ich weinte bitterlich – es war nur ähnlich- nicht gleich. Als ich endlich 45 Jahre alt war, besass ich dann plötzlich das Original. Es sollte in den Altkleidersack. Ich grabschte es mir und war überglücklich. Einmal trug ich es dann. Ich konnte dabei jedoch die Situation nicht vergessen, als man mich damals nach dem Klau bemitleidet hatte. Das arme Würstchen hatte gestohlen. Man machte ein Fass auf, in dem ich dann ersoffen bin.
Nun lieg ich auf dem Trockenen. Trotzdem ist mir nicht warm ums Herz.