Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin mehr oder weniger regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als lesende und schreibende Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den durchaus ja auch ab und an erstaunlich schönen zu verbinden. Die Sprachlosigkeit zwischen den Zeilen interessiert sie mehr, als alle Tatsächlichkeiten zusammen, vor denen es sich nach Alfreds Meinung meistens zu hüten gilt. Denn nichts ist in der Kunst ja sinnfreier, als die pure Darstellung eines Realitätenkabinett.

„Die Realität verzaubern, indem man sie entzaubert, oder umgekehrt, das führt manchmal zu literarischen Kunstwerken!“ B.I.Alfred

Die Übertreibungen und Verzerrungen in Frau Alfreds Prosa und auch in ihrer Lyrik sind wunderschön, immer anregend und in gewisser Weise angenehm belastend.Alfred Katz, Prosaanalytiker

„Ob ich je mal die Sprache finde, die zwiefühlige, zwiesichtige, zwiehörige Art meine Wirklichkeitserfahrung auszudrücken?“ Fridolin Stier, Denker der Ganzheit

„Sie lebte in Frieden mit ihrem Unglück!“ aus Versuch über Katzen, Wolfgang Hilbig

Aus den Zeiten eines Strumpfhosentieres (1)

Dezember 2, 2022

Erinnere mich an Zeiten, wo man, als kleiner Fratz, sobald Schneeflocken rieselten, dermassen in Verzückung geriet, dass man als aufgelöstes Strumpfhosentier durch die Wohnung sprang wie ein Ziegenböckchen und aufs Schlittenfahren drängte. Hätte man sich erinnert, was jedes Jahr aufs Neue auf einen zukommen würde, dass der Vater nämlich beim Rodeln lediglich das Schneller, Höher, Weiter im Kopf haben würde und einem, wenn man an ihm Vorbeisausen würde, zu allem überflüssigen Wettbewerbsgetue mit anderen Vater-und Muttertieren, einen mindestens melonengrossen Schneeklotz auf die Haube werfen täte, wäre die Freude nicht immer wieder so ausladend ausgefallen. Der Fratz dann immer deprimiert, aber nicht nachtragend. Heutzutage lächelt man beim ersten Schneefall ausschließlich vor sich hin und legt, wenn man dran denkt, die Platte auf, die teilweise so schön zum Ereignis passt, weil sie ähnlich sehnsüchtige Töne verbreitet, wie das Gewirbel erster Flocken im Jahr. Ist dieser Moment da, entsteht automatisch eine ruhige Geistesklarheit, die tatsächlich nun, in jenem Augenblick von ganz alleine da ist. Kein Durchringen ist dann erforderlich, alles fliesst und das zerknirschte faltig sich anfühlende Gesicht (der Engländer nennt es a pensive Face), ist dann wie gebügelt glatt und fühlt sich wieder wie ein ganz normales Gesicht an, das nicht schreien muss, um erhört zu werden.
Vor genau einem Jahr las ich Panizzas Menschenfabrik. In diesem Zusammenhang entdeckte ich das Zitat: Wer bescheid weiss, kann nicht schreiben. Ich notierte es, denn es gefiel mir. Wie gut, dass ich generell nicht gut bescheid weiss, sonst könnte ich nicht einmal gut schreiben. Genauigkeiten sind mir anstrengend und somit geschehen ab und an Wirrheiten. Bei der Hautpflege schmierte ich mich neulich versehentlich mit einem Brotaufstrich ein. Ein Geschenk, auf dessen Verpackung ich diese Aloe Vera erkannt hatte, jedoch die giftgrüne Farbe nicht mit einem Nahrungsmittel in Verbindung brachte. Zu klein dann die Schrift um Genaueres zu erfahren und der Duft dann für eindeutig pflegend gehalten. Der krustige Überzug auf der Haut dann unangenehm. Ich entfernte alles mit warmem Wasser. Als Kind schob ich, wenn ich mich leer fühlte, gerne die bestrumpfhosten Füsschen ein Stück unter den Teppich, überhaupt liebte ich es etwas auf meine Füsse zu legen. Manchmal bat ich sogar den Vater sich auf diese zu setzen. Das Gewicht beruhigte dann alle Kribbeligkeiten. Er las dann Zeitung und sass schief herum.

© Bettie I. Alfred, 2.12.22

In der Six-yard-box wird getreten

November 29, 2022

Am Sonntag findet ein grosser Fussballkampf statt. Wenn überhaupt, werde ich ihn in einem englischen Fernsehsender schauen. Ich liebe nämlich, besonders was den Fussball betrifft, das Vokabular der Engländer. Die six-yard-box z.B. Was immer das auch heissen mag. Ich vermute es ist der zu deutsch Strafraum genannte Rasenabschnitt. Ein wirklich schöner Begriff. Wie auch screw-in stud. Wer oder was war das nochmal? Bedeutungen sind gar nicht so wichtig, denn der Klang allein macht beim Hören ja die Musik. Vielleicht hat der Vater Lust mitzuhören, er mag auch das Englische und isst immer so gerne etwas, wenn danach, oder gar dabei, Ballsport in weitestem Sinne, geschaut wird. Hauptsache mein Lieblingsspieler sitzt nicht wieder als substitute auf der Bank. Wie hiess er noch gleich? Djego Vorlan, glaub ich. Long ago. Er hatte meine Frisur, deshalb die Vorliebe. Wäre ich ein Mann geworden sähe ich ihm vielleicht ähnlich. Diese Egozentrik ist nicht auszuhalten, aber menschlich. Ob ich mich noch zurechtfinde, nach zehn Jahren Fernseh- und ebenfalls Fussballabstinez? Ich war mal ein ziemlicher Freund von dem Ganzen Getue. Wollte selbst als Kind ein Fussballer werden, wusste damals noch nicht, dass dies (abgesehen davon, dass ich nicht plötzlich zum Mann werden würde) ein sehr anstrengender Beruf sein konnte. Die immerzu beim Schauen zu bewältigenden Werbeschleifen werden uns natürlich zu Tode nerven. Und dann diese ständigen Unklarheiten bezüglich der Regeln. Mir wird es dann als Zuschauer*in schließlich wieder so ergehen, wie einem Psychoanalytiker, der das in der Seele des Patienten versteckte Drama nicht mehr versteht und sich deshalb auch schlecht zu fühlen beginnt. Denn die Problematiken der einzelnen Spieler treten ja im Laufe der Minuten immer zunehmend in den Vordergrund (das Spiel dagegen wird meist öde, wenn der Torabstand eindeutig wird). Alle fragen sich dann schließlich nur noch wie es ihm, dem Einzelnen eigentlich gerade so geht und wann die Hochzeit stattfinden wird, zumindest kommt die Frage auf, wenn man mit Frauen guckt (Verzeihung Frauen, aber so ist es ja halt). Und beim elenden Interviewteil am Ende, wo es durchaus vorkommen kann, dass ein vorher niedlich Verstrubbelter plötzlich einen akkuraten Weichselzopf trägt, kann man dann auch lange auf einen interessanten Trainer mit angespanntem Kiefer und charakteristisch krächzender Taschenfaltenstimme warten, denn diese Art, die man aus Kinderzeiten noch kennt, gibt es so leider nicht mehr. Heute sind tatsächlich alle (fast), sogar beim Fussball, schick angezogen und ebenso geschmeidig in allen erdenklichen Umgangsformen (ausser im Spiel selbst, wo Fusstritte ausgeteilt werden wie Freibiere). Spieler sowie Trainer und andere Halunken im Bereich Sport, haben heute fast alle das Abitur und sind einseitig zwar, doch da gebildet bis in die Poren. Und arm sind sie alle nicht mehr, auch, wenn sie sich oft ziemlich verzocken.
Ich muss nun an Robert Walsers Ausspruch denken: Was einst auseinander lotterte, leimt Geld unglaublich flink zusammen. Ja, die Zeiten der Krätzmilben (auch im übertragenen Sinne) sind definitiv vorbei, egal wo, selbst bei der Suppenküche fiel ich neulich mit meinem Lottermantel (wo das Innenfutter herausquoll) auf.

Aus dem Archiv des Hohlraumblogs
© Bettie I. Alfred, ein Tag vor dem Finale 2018

hundsgemein

November 27, 2022

Kaum kommt die Sonne aus ihrem Bunker heraus, droht wieder ein verrheumater Tag. Nichts fliesst mehr, alles stockt, ob dieses enormen Lichts, das einen nicht in Ruhe lassen kann. Wie eine Art Hünenweib steht sie vor mir, die Helligkeit – will gesehen und bestaunt werden. Anstatt ich durch sie bestärkt werde, wird es mir langfädig und ich erkenne mich als mickriges Etwas wieder, dass nun gerne ein Erdtier wär, das sich einfach in seinen Bau verkriechen könnte. Doch man ist nun mal ein Mensch geworden und hat Rechte und Pflichten. Die erste Pflicht: Lass die Sonne in dein Herz. Die zweite: Normalverteilung deiner Erinnerungen, um die kurzzeitig immer wieder auftretenden Kakonkrisen zu vermeiden (Kakonkrise. Ich entdeckte diese Bezeichnung in einem veralteten Lexikon der Psychologie und mochte ihn gleich, weil niemand ihn kennt und somit die Hysterie, die damit in Verbindung stehen kann, nicht an den Tag gebracht wird, sondern lediglich das weitaus kleinere Wort Krise im Zentrum steht). Krisen sind so menschlich, wie das Schlafbedürfnis und die Tendenz aus übertriebenem Gerechtigkeitsempfinden heraus, ungerecht zu werden. Beim Gucken des Faust Theaterpreises, wird klar, was gerade nicht mehr zählt: Stille, Zurückhaltung, leise Töne. Man mag es laut, bunt und schrill, keine hauchfeine Poesie, nur eindeutige Schlagworte zählen. Ich träume in der Nacht dann, dass mich während ich in einem vertraulichen Gespräch bin, eine Person stört, in dem sie hinter mir ins Zimmer tritt und mich von dort aus maßregelt. Dies völlig ohne vorher zu fragen. Ich werde böse wie ein Wolf und jage die Störende davon. Danach ist die Person mit der ich vertraulich sprach entsetzt. Ich wachte dann auf und sagte laut, noch im Dämmerzustand in den Raum das Wort hundsgemein hinein. Dann schlängelte ich mich langsam in den längst angebrochenen Tag. Was dann kam ist ja bekannt: die Sonne.

© Bettie I. Alfred, 27.11.22

November 24, 2022