Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin mehr oder weniger regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als lesende und schreibende Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den durchaus ja auch ab und an erstaunlich schönen zu verbinden. Die Sprachlosigkeit zwischen den Zeilen interessiert sie mehr, als alle Tatsächlichkeiten zusammen, vor denen es sich nach Alfreds Meinung meistens zu hüten gilt. Denn nichts ist in der Kunst ja sinnfreier, als die pure Darstellung eines Realitätenkabinett.

„Die Realität verzaubern, indem man sie entzaubert, oder umgekehrt, das führt manchmal zu literarischen Kunstwerken!“ B.I.Alfred

Die Übertreibungen und Verzerrungen in Frau Alfreds Prosa und auch in ihrer Lyrik sind wunderschön, immer anregend und in gewisser Weise angenehm belastend.Alfred Katz, Prosaanalytiker

„Ob ich je mal die Sprache finde, die zwiefühlige, zwiesichtige, zwiehörige Art meine Wirklichkeitserfahrung auszudrücken?“ Fridolin Stier, Denker der Ganzheit

„Sie lebte in Frieden mit ihrem Unglück!“ aus Versuch über Katzen, Wolfgang Hilbig

Me myself and I (chhorn)

September 30, 2022

Die Kastanien knallen auf die Autodächer, so entstehen Dachschäden. Lese einen wunderbaren Satz: Wer vollends getröstet ist, vermag zu verzeihen und findet zurück zu sich selbst. Trotz allem ist das Selbst zu dem man findet nicht unweigerlich das Selbst, das man sich vorgestellt hat. So wie andere Dinge auch nicht das präsentieren, was sie zu erwarten lassen. Wenn man z.B. einen Ofen anheizt und dafür ein bestimmtes Holz benutzt. Manche Holzarten riechen traumhaft nach Holz, andere gar nicht nach Holz und auch nach sonst nichts. In einem Kinderbuch steht, dass Lindenholz beim Anzünden kaum riecht und zum Pflaumendörren aber die ideale Hitze entwickelt. Ideale Hitze, ein guter Bandname. Heute Nacht vom alten Schriftsteller geträumt, er war jung im Traum und aber der, den ich von heute kenne. Träume, immer schön und interessant sie festzuhalten. Der Analytiker einmal, als ich mich auf einen von mir selbst geträumten Traum versteift hatte, in dem eine Kuh auf einem gefrorenen See gestanden war, und ich mich immer mehr verbiss darin, was das Herausfinden seiner Bedeutsamkeit und einer „Message“ für mein Ich, betraf, sagte also schlicht und den Vorgang abkürzend: Träume sind Schäume, Frau Alfred! Ich staunte nicht schlecht solch einen Satz aus dem Munde eines Psychoanalytikers zu hören. Aber, er hatte recht gehabt, denn manch Traum kommt vollkommen bedeutungsschwanger (was für ein tolles Wort schwanger sein mit einer Bedeutung nicht mit einem Kind…) daher und bedeutet schließlich weitaus weniger als man meint, und ab und an sogar gar nichts. Stimmt also, Träume sind Schäume, denn allein haltbar sind sie alle nur ein paar Stunden. Das Leben dagegen kann sich enorm lange halten und sogar zu etwas Betonartigem werden. Das Aufpickern ist dann kein Spass. Das Eichhorn im Blumenkasten erwartet die versteckte Nuss. Ich habe sie vergessen zu hinterlegen. Doch es ist nicht nachtragend.

© Bettie I. Alfred, 30.9.22

Lachhaftes ist nicht immer komisch

September 28, 2022

Erhalte früh am Morgen schon eine sogenannte Spammail. Bringen sie Kinder zum Lachen steht da. Als sei das mit dem Lachen so einfach, als gäbe es nur ein Lachen: das gute Lachen, das alle glücklich macht. Ich überlege was zuerst da ist. Das Glück oder das Lachen? Überlege, ob man es überhaupt verallgemeinern kann. Natürlich nicht, immer ist es ja anders. Doch kann man vielleicht sagen, dass „viel Lachen“ nicht unweigerlich ein Glückszustand sein muss. Ich erinnere Phasen wo ich mich fast täglich tot zu lachen meinte und das Glück ferner war denn je. In der Schule war ich früh vom Clown- und Faxensyndrom befallen (ein Fachbegriff aus den frühen 70er Jahren, der das Problem auf den Tisch knallt wie eine Mutter den Einberufungsbefehl eines ihr lästig gewordenen Sohnes. Heute umschreibt man elegant verschwommen, aber durchaus taktvoller das Egomanie-Problem von Kindern). Auf Gruppenfotos tat ich mich gerne durch die Imitation eines Hasen hervor. Ein Junge machte Konkurrenz, zog sein Hinterteil ein und legte, oder besser warf, die flach gestreckte Hand an seine Schläfe. Diese Befehlsbefolgerhaltung fand man Zuhause beim Klassenfoto betrachten dann problematisch, attestierte dem Jungen mit deutlichem Gefeixe einen Dachschaden und mein nicht minder auf einen hinweisendes Hasenimitat übersah man jedoch demonstrativ und schenkte ihm keinen Hauch an Beachtung. Ein Hase also nicht halb so anstößig wie ein Soldat. Zumindest bei mir daheim. Beides in gewisser Weise aber doch ähnlich lachhaft.
Das mit dem Lachen ein heikler Punkt. Fürs Kind, wie auch für den Erwachsenen. Ausschlaggebend immer, ob es als Reaktion auf eine darstellerische Leistung beim Gegenüber einsetzt oder nicht. Lachen, egal wie, bestätigt. Vorerst. Weglachen jedoch eine ständige Methode. Werner Fincks Buch „Witz als Schicksal“ liegt oben auf dem Regal. Ich muss da doch einmal hineinschauen.
Nicht lachen, aber doch lächeln musste ich neulich über einen Siegener Schriftsteller, der Folgendes in einer Anthologie veröffentlichen konnte:

Ich bin auch ein Preisträger/Der Literatur/Ausgezeichnet/Für mein Gesamtwerk/Und prämiert/Von mir selber/Weil ich mich/Am besten beurteilen kann/Habe ich schon/Etliche/Erste Preise/Gesammelt.

© Bettie I. Alfred, 28.9.22

Die tote Ordnung

September 26, 2022

Der Schriftsteller erzählt vom Krieg. Von dem, der vor über 70 Jahren stattgefunden hat. Es ist als sei es gerade geschehen. Wir sitzen an der selben Stelle, an der damals die Bomben fielen. Eine Wiese mit Hipstern und anderen Neumenschen gefüllt, die bunte Bälle in die Luft werfen und Modehündchen auffallend angstfrei geknuddelt werden. Da seien die Toten gelegen sagt er dann und man würde sie wieder finden, wenn man graben täte. Er habe es den Leuten schon gesagt, aber die hätten es nicht hören wollen. Ich biete Restkuchen von Feierlichkeiten an. Seine untere Gebisshälfte ist abhanden gekommen, wir krümeln was das Zeug hält, ich besonders zügellos. Im wunderschönen Park alles so einfach und komfortabel diesbezüglich. Lese am Abend im Kafkabuch (im Kapitel über die jüdische Mystik) den Namen Aaron mit zwei A. (aus Bagdad). In einem nicht veröffentlichten Meisterwerk des Schriftstellers (es liegt in Fetzen in der Wohnung verstreut) geht es ebenfalls um einen Aaron mit zwei A. Immerzu sehe ich Parallelen, die sicher nicht lediglich aus Zufall existieren. Leider mein Wissen, trotz Lektüre, von allem Wesentlichen immerzu zu spärlich und das Gefühl nur durch wilde Unbefangenheit den Kern des Seins erleben zu können, ein Grund zur oder für beständige Unkonzentriertheit. Habe das Gefühl es gibt sowieso kein Unterschied im Ausmaß des Glücksgefühls das ein Thema erzeugt, darauf bezogen, ob man es buchstäblich versteht oder gefühlsmäßig. Und beides kann übrigens gleichzeitig der Fall sein: man kann alles verstehen und nichts fühlen, oder alles fühlen und nichts verstehen. Ich habe immer deutlicher das Gefühl, dass der Schriftsteller eine köstliche Art (köstlich nicht im Sinne von ulkig, sondern wörtlich genommen, eine wohlschmeckende ) erreicht hat, um alles so zu erleben, wie es ihm gut tut. Dass er dabei sein unteres Gebissteil und anders verlegt und überhaupt ein Durcheinander passiert, das andere in Unruhe versetzt, scheint mir immer mehr kein Problem von ihm zu sein, sondern eins von uns, den Aussenstehenden, die eine Ordnung ersehnen, da sie sie so nötig haben, um sich an ihr festzuhalten, wie an einem Geländer. Er, der Schriftsteller, braucht so etwas längst nicht mehr und ich ahne einen Vorsprung, den er mir gegenüber hat, die andauernd Tische abwischt und sich das Gesicht auffrischt, um nicht alt oder gar verlebt auszusehen. Bei ihm alles eine ausgewogenen Einheit, ohne Unterbrechungen durch Banalitäten die sich unbedingt aufdrängen (die Fragestellung: Was zieh ich an? viel zu oft anwesend). Themen völlig ohne Substanz, im Gegensatz zur immer wieder aufflammenden Frage, ob man wieder käme. „Wir kommen solange wieder, bis du allein sein willst!“ Sage ich und alles ist gesagt. Liebe entsteht durch Dasein. Mit allem, was dabei ist oder weg. Das Durcheinander ergibt Sinn, immer und überall. Mehr als die Ordnung der Systeme, die sinnlos ist.

© Bettie I. Alfred, 26.9.2022

Ein Klebebart hätt mich bewahrt…

September 23, 2022

Vor fast einem Jahrzehnt ging ich einmal mit M., der
einem viel erklären konnte, jedoch wenig zu sagen hatte, in ein Cafe. Der Bäcker und Kellner in einem, begrüsste ihn (dabei schien er sich nicht einmal überwinden zu müssen, trotz eines eher zurückhaltenden Temperaments) mit einem enorm fröhlichen: „Was möchtest du essen, Professor?“ M. siegessicher wie der berühmte Pfau, der sein gespreiztes Rad spazieren trägt, schaute mich daraufhin eindeutig stolz und viel zu lange an und erwartete wohl eine Art beifallsartige Bewunderung meinerseits. Die ich ja sogar hätte haben wollen, jedoch keinesfalls zu äußern gedachte, da ich mir nicht sicher gewesen war, ob der von vielen Seiten für bedeutend gehaltene männliche Mensch insgeheim Schläue bei Frauen verachtete und der Vorgang, so wie er vonstatten gegangen war, und zudem noch Erweiterung gefunden hatte, in dem der Koch zu all dem Unglück ihn nicht nur mit einem Titel begrüsst, sondern zudem ausschließlich den hoch geehrten Professor nach seinen Wünschen gefragt, sprich mich vollkommen unpassend aussen vor gelassen hatte, was eine Bestellung betraf. Mit einer Zustimmung des Professorenthemas meinerseits wäre also etwas in Gang gekommen, das dann schlußendlich zu nichts, ausser zu einer enormen Blamage meinerseits, geführt hätte und ich nicht einmal mehr von unterm Scheffel heraus Einspruch hätte erheben können. In Beschämungssituationen zwar ungeheuer geübt, jedoch in Gedanken genau in jener Zeit schon auf „Abwegen“ unterwegs, blieb ich dann stabil passiv und seufzte nur einmal vor mich hin, bevor ich beim „Professor“ nachfragte, ob ich denn vom Kuchen einmal abbeissen dürfe. Der Gedanke, wenn ich denn schon, wegen Minderwertigkeit nichts Eigenes bestellen würde können, aber abbeissen in Frage käme, war nicht wirklich beruhigend, jedoch lockerte er die Situation ein wenig auf. Na klar, die Antwort dann von M..
Ein Jahr später dann ging ich mit R., einem sprachfaulen mit Anglizismen um sich werfenden Possenreisser in eben denselben Laden, ihm vollkommen unbekannt, da nicht in der Nähe der Weserrakete (Gebiet in Berlin, wo alles im Trend liegt) liegend. Derselbe Bäcker und Kellner in einem trat prompt in der gleichen Art mit der er damals M. entgegengetreten war dann auch auf R. zu und die Frage, was der Professor denn essen wolle, liess mich in jenem Moment kurz lachen und weinen in einem. M. bestellte als sei nichts gewesen. Ich bat um einen Tee und diese dreistöckige Buchweizen-Ingwer-Torte! Gerne, der Bäcker und Kellner in einem. Ich verstand, hier war der Mann immer der Professor. Kein Grund sich aufzuregen. Nächstes Mal mit Klebebart.

© Bettie I. Alfred, 23.9.2022