P. F. Walther, der grosse Gestalter

Januar 18, 2023

Wunderbar geträumt. Einige Traumsequenzen deshalb auch gleich, nachdem ich kurz erwacht war, aufgeschrieben. Mitten in der Nacht, alles einfach ins Dunkle hineingekritzelt. Auf weißes Papier, vermutlich. Dabei unklar, ob der Stift überhaupt schreibt, es war dann zu anstrengend alles zu prüfen. Am Morgen bei Helligkeit wird klar, dass das Papier bereits beschrieben war und ich über etwas drüber geschrieben hatte. Nicht ein Wort kann ich noch entziffern. Und erinnern… vielleicht im Laufe des Tages. Der Schlaf war wohl sehr tief gewesen, vergleichbar vielleicht mit dem sogenannten Puppenschlaf eines Insekts, das auf seine Entpuppung wartet oder sogar der Bewußtlosigkeit einer Pflanze. Jede Nacht dieses Verschwinden… Kaum ist dann der Tag erwacht geht es wieder los: dieses Sich-in- den-Tag-bugsieren. Hat man Glück fällt diese Bugsierung durch äußere Umstände ganz leicht. Das Telefon klingelt, am andern Ende ein Vogel. Ein Gezwitschere, dass es eine Freude ist. Der alte Schriftsteller macht deutlich wie sein bester Freund, ein Grünfink, ihn als Kind berieselt hat. Es ist eine irre Komposition. Könnte ich sie doch in Noten festhalten. Überhaupt, daß man anstatt vor sich hinzuzwitschern immerzu etwas Aufgeplustertes denken muss… Als reiche es nicht da zu sein. Wer mal unwichtig war, macht sich wichtig, für immer. Das ist gut, denn ansonsten wäre es unterlassene Hilfeleistung sich selbst gegenüber. Der Kumpel schickt Wahlkandidatenbilder von seinem Spaziergang durch den Kiez. Frau Lupper, ein Mann mit Brille… fragt, wen er wählen solle und ergötzt sich an den Gesichtern, findet das alles zudem sehr komisch. Ich schlage vor, dass man auch ihn aufhängen solle, gespickt mit dem Slogan „P. F. Walther, der grosse Gestalter“. Ich lache mich über meinen Vorschlag dann selbst kaputt.

Bettie I. Alfred © 18.1.23

P.S: Morgen wäre „die (meine) Oma“ 100 geworden. Sie war eine Knalltüte gewesen (meistens).





Krummstrecke Leben

Januar 14, 2023

Nach 15 Jahren Zahnlücke, ist die Lücke eine Lücke im System Maul. Mit diesem Satz im Kopf, wachte ich heute auf. In der Nacht beschäftigen einen ja meist so ganz andere Dinge als am Tag. Natürlich ist es eine Problem, das nach so vielen Jahren „ohne Gegenüber“ die Zahnreihe über der Lücke eine Beule ins Nichts bildet. Doch muss man sich mit der Zeit doch sowieso an all die entstehenden Unebenheiten an Körper und Geist gewöhnen. Nichts, aber auch gar nichts, ist schließlich absehbar. Und eine Freiheit kommt immer nur durch die Anerkennung einer Unebenheit, niemals durch die Abwehr einer offensichtlich gewordenen Krummstrecke. Um nicht zu verzweifeln gilt es ab und an die selbst verjagten Fröhlichkeiten wieder in einem wachzurufen. Eine gute Möglichkeit ist es nämlich durchaus, sich mit komischen Geschichten aufzuheitern. Solange man diese nicht zwanghaft benutzt, ist es immer eine Befreiung, wenn gelacht werden darf. Das Märchen Schwan kleb an behandelt das Thema einer traurigen Königstochter, die nicht mehr zu lachen vermag. Als eines Tages ganz viele an einem Schwan kleben bleiben, lange eine Klebekette bilden (Unsinn – eine lange Klebekette bilden – sollte es heissen), kann Madame plötzlich wieder lachen. Schwan kleb an, ist eins von vielen Märchen, das den sogenannten Klebezauber benutzt, um eine menschliche Sache deutlich zu machen. Apropos menschlich. Nachdem ich mich über einen menschlichen Stein beschwerte, merkte ich, dass ich dieser selber bin. Vorher war ich empört gewesen, dass dieser Stein, den ich so gerne habe, mich nicht zurück gerne hat. Die Verwechslung ist immerzu dieselbe: das Ich sieht sich im Du und will, dass das Du zum Ich wird. Oder so ähnlich. Im Traum ist alles durcheinander. Alle sind Ich, und Ich sind alle. Jemand sprach mal vom Traum als erlebte Ruine. War es Rolf Dieter Brinkmann? Ich weiss es nicht mehr genau. Der sprach jedenfalls immer von den engen Abteilungen in denen jeder lebt. Ein schönes Bild, die enge Abteilung in der man feststeckt. Ein Liebesroman, den ich lese, ist dann gar keiner, sondern das Gegenteil, im Grunde ein Buch darüber, dass man auf keinen Fall in Liebe fallen sollte. Ich hatte alles übersehen: die Kühle um die es immerzu gehen soll, war das Thema, nicht die Wärme! Als ich es dann sah, sah ich es klar und deutlich, nämlich wie der Autor sein Boot an den eigenen Gefühlsmauern entlang schipperte und keinerlei Durchschlupft zur Schwäche fand. Man gefällt sich im Kühlsein und unterläuft somit die Lösung. Oder so ähnlich. Ich lese dann überkreuz weiter, mal Wense und mal den anderen Autor. So kommt es dann zu einer Art Geschehen im Kopf mit entsprechendem Ausgleich. Heute strahlender Sonnenschein und Wind. Was soll das? Starte heute einen ersten Versuch mich auf etwas ausnahmslos zu konzentrieren. Klar, der Versuch ist immer nur ein Versuch und ist doch das Schönste, wenn er glückt.

© Bettie I. Alfred, Berlin, 14.1.23

Nichts beflügelt mehr als eine Baustelle

Januar 11, 2023

Eitelkeit verträgt nicht, dass man sie durchschaut. Na gut und jetzt? Schlaue Worte machen ist wohl eine Fähigkeit, die man schnell erlernen kann. Ich möchte es nun wieder verlernen… Möchte ein Homo Sapiens sein, auf den es lediglich im Hier und Jetzt ankommt. Das ausschließlich langgezogene Spaziergehen im Buchstabenmeer führt zu einer Lebensferne, die mich stört. Die zufällige Vielfalt des Lebens ist der Punkt und nicht das, was einem im abgezirkelten Sitzgarten immerzu erfasst. Im quetschigen Rossmann lese ich auf der Creme unter Hauttyp: Jeder. Ich muss lachen. Ich mag es, dass alles für jeden ist. Auch wenn es gelogen ist, weil nie alles für jeden ist. Es ist eine Lüge und eine Illusion in einem, diese Behauptung, dass alles für jeden ist. Alle sind nämlich mindestens einmal pro Jahr allergisch. Oder nicht alle, aber zumindest einer, eine, ist immer mal allergisch gegen etwas. Ist einer komplett ataraxisch (ich bin nicht sicher, ob es dieses Wort gibt, ich verwende es um Eindruck zu schinden, würde es gar nicht existieren, hätte ich das Gegenteil erreicht… na und?) ist einer bzw. eine also komplett leidenschaftslos, was sein Gegenüber betrifft, ist es ihm also egal, wer ihn oder sie besucht, ihm oder ihr schreibt, wer sie oder ihn grüsst, wer ihn oder sie bemitleidet, wer sie oder ihn akzeptiert, ihn oder sie verachtet… dann ist der Punkt wohl gekommen, wo alles möglich wird. Ist es einem sogar ganz egal, ob man lediglich eine sich selbst imitierende Imitation ist, oder sogar ein düstersinniges Nichts mit keinerlei Angst mehr vor kondensierten Pseudokatastrophen, dann ist der Zustand ertragbar geworden und man kann wieder laut lachen und sogar einen schubsen. Alles und jeden dabei übersehen oder auch das Gegenteil untersehen. Die Freude ohne Untergrund ist dann wieder im Anmarsch. Und die Frage, wo man hingehört wird schließlich komplett beantwortet sein: Nirgends.

P.S: Die Baustelle vor, sowie eine auch hinter dem Haus, ist noch da. Ich werde sie beide vermissen, wenn sie denn weg sind. Nichts beflügelt mich mehr als eine Baustelle in Sichtweite. Die Treppe, die noch fehlte, konnte heute, ich habe es genau beobachtet, nicht installiert werden, der Guss des Fundaments ist schief gegangen. Eine schräge Treppe wärs schließlich geworden und das geht so nicht. Ein Fehler, der nun ausgeglichen werden muss, damit man sich nicht wie auf einem schwankenden Schiff fühlt, wenn man das Gebäude betreten muss.

© Bettie I. Alfred, 11.1.23


Januar 7, 2023
Bettie I. Alfred © 2023