Vergess-Männchen

Der symphatische Philosoph, dessen Namen ich noch nie gehört hatte, als ich ihm begenete, sagt, dass wir zu Sinn verdammt seien. Diese Ausdrucksweise gefällt mir. Die Suche nach Sinn ist tatsächlich eine große Strafe. Hat man nämlich einen gefunden, spingt einem meist, wenige Minuten später schon, wie ein Spiel-Teufel aus der Schachtel, auch schon der Zweifel ins Gesicht. Die Katze sitzt am Fenster wie der traurige Mann aus der Bichselgeschichte am Tisch sitzt. Es scheint als zähle sie die Personenkraftwagen, die am Fenster vorbeifahren. Ich projiziere sofort einen Schwermut in sie hinein. Der Philosoph sagt auch, dass dem physischen Tod oft ein sozialer Tod vorausgeht. Abwegigkeiten und Überraschungseffekte, so der mir lange unbekannte Denker zudem, können fehlende Kunstfertigkeiten überdecken. Was für ein Satz – ich bekomme Schädelbrummen von ihm. Ich fühlte mich sofort gemeint. Nichts bereitete mir lange nämlich mehr Freude als abwegige und von mir selbst anderen trompetig vorgetragene Gedanken. Springteufelgedanken.
Ich entscheide mich dann fürs Maulhalten. Nichts tut mehr zur Sache, als wenn einer den Mund hält, denke ich. Der dicke Mann sagt oft nichts. Er kann das, er hat es lange geübt. Er weiss, dass er dadurch wichtiger wirkt als er eigentlich ist.
In einer Verhaltenstherapie werden Verhaltensweisen antrainiert. Wie Kinder durch erhoffte Bonbons brav sein lernen, können Erwachsene durch Applaus etwas leisten, was sie ohne Geklatsche niemals zustande gebracht hätten. Auch Elefanten stellen sich auf Rüssel um getätschelt zu werden. Ich hänge dann einen Vorhang auf, weil ich beim Kochen im Augenwinkel auch andere kochen sehe. Der Wohnungsbesitzer schimpft, sagt, er habe immer ohne Vorhang gelebt. Er will nichts Neues mehr. Versteh ich. Ich kann immer gut andere verstehen. ich bin ein Verstehmännchen. Wer alle versteht, kann sich wohl selbst nur vergessen.