Man ist wer – ganz ohne dass man wer ist

Jedes Mal, wenn ich mich an mein Trapez hänge, dass noch aus Zeiten ist, wo man gut abhängen konnte, denke ich, dass es beim nächsten Mal aus der Verankerung bricht oder meine Arme abreissen. Ich komme mir vor als sei ich tonnenschwer, dabei bin ich genauso schwer wie damals, als man es mir schenkte, um daran abhängen zu können. Ich hatte so ein Trapez bei einem Schauspielkurs (man sollte im Kreis rennen und was rufen, was einen in den Sinn kommt – es war ein echtes Affentheater), der in einer alten Fabrikhalle stattfand gesehen und mich umgehend, als ich den Raum betreten hatte drangehängt. Ich wusste nun, was ich wollte: Abhängen. Dann bekam ich eins geschenkt und nun hängt es da seit Jahrzehnten und baumelt bei Wind hin uns her. Meine vermeintlich zusammenhangslose Unbeweglichkeit ist dann leider, am Trapez hängend, überdeutlich zu spüren und schnell setze ich mich anstatt weiter abzuhängen, ans Schreibgerät und tippe was, denn das geht einfach und schnell und fühlt sich nach Vorwärtskommen an. Der Mensch muss immerzu vorwärts kommen. Der Vater ist, seit er allein lebt, jeden Tag irgendwohin unterwegs – gestern zum 90. Geburtstag von Hilde Schramm, die er hoch achtet, weil sie „was tut“ und nicht nur redet. Ihre Ausstellung über die Friedensbewegung wollte er dann auch unterbringen und fand aber bisher keinen Ort dafür. Das kann ich kaum fassen, denn wer will denn keinen Frieden? Im Theater endete alles mit einem Atomschlag, der auch so zu vernehmen war, ein Schlag so LAUT dass jeder weiss: nun ist es aus. Dabei waren die Figuren doch so schön gezeichnet und dass alles mit der Katastrophe enden würde, war doch klar. Umgeben von Weisshaarigen, die alle nicht mit der Wimper zuckten, als die Bombe fiel und ich meine Duck-and-Cover-Pose einnahm, schien der Vater als Grauhaariger dann wie ein Jungspund – auch in seiner Coolness beim Untergang mir weit überlegen. Überhaupt habe ich immer an den Stellen geweint, wo ich dachte, dass es ihn sehr träfe, doch er war guter Dinge, egal, was auch passierte. Und dann wachte ich am Morgen auf mit dem Gedanken: Man ist wer – ganz ohne dass man wer ist.