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Gaspard de la nuit

Mai 19, 2026

Der Mann bringt einen Dokumentarfilm namens ALFRED mit. Es geht um die Zeit in den 70er Jahren in Leipzig. Ein Zug rollt einen durch die schön vergammelte Stadt. Vergammelte Städte rühren den Mann. Ich verstehe das gut. Alfred spricht dann sächsisch und hat kein Gebiss mehr, was ihn fast unverständlich macht. Wir gucken trotzdem weiter. Aus Mangel an Material wird dann immerzu dasselbe Foto Alfreds eingeblendet. Es werden dann Personen interviewt, die Alfred gekannt haben. Auch diese sprechen Dialekt und zudem undeutlich ins Mikrophon, so dass man auch bei ihnen nur jedes dritte Wort versteht. Meist ist es das Wort, Obaid. Ich entdecke dann interessante sichtbaren Details: ein Büro mit Aktenschränken sieht aus wie ein Wohnzimmer; Blumen, Sofakissen, Mustervorhänge. Damals „lebte“ sogar in Büros etwas weiter, was man anscheinend nicht zuhause lassen wollte. Wohnlichkeit am Rande des Erträglichen. Nein, im Grunde ist sie unerträglich, würde man sie zudem noch riechen, wäre es ein schwerwiegendes Fest der Sinne. Beim „Jugend musiziert-Vorauswahl-Konzert“ bin ich, wie immer gerührt von der Courage der beteiligten Auserwählten. Sie sitzen vor dem Anschlag sekundenlang da, am glänzenden monumentalen Flügel, und sammeln sich. Das sind beglückende Momente, ganz zu Schweigen dann die, wenn sie spielen. Gaspard de la nuit – man müsste im Grunde weinen, doch das Neonlicht und die ganze Situation – es ist das letzte Vorspiel vor der Präsentation in München, wo der Wettbewerb von statten geht, verhindern die melancholische Hingabe. Der Vater, der mitkam, weil er, wie ich, so gerne Musik hört, sagt dann nach der Verbeugung, die die Jungs ähnlich souverän meistern, wie das Spiel, begeistert in die Richtung der bangenden Eltern: Die gewinnen! Alle lachen dann, er hat ja gar keinen Vergleich, aber er will es so. Bei Bernhard las ich dann, dass jemand seinen Ehebruch an den Füssen hinunter zum Kanal schleppte. Der Tag ist dann ein ausgesprochen schöner gewesen.