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Prosaisches für ein gefühlige Ohr

Oktober 9, 2026

Sabine Hassinger experimentiert mit der Sprache. Auch in JUL (Galrev, 1991) tat sie dies bereits und sie erzählt die Geschichte einer Beziehung so, wie nur sie es kann. Nicht strengend und nicht detailliert und genau, sondern anarchisch und spielerisch zerstückelt sie die Zeit – die Zeit mit Jul und auch die Zeit ohne Jul, das Sehnen nach Jul und den kaum hörbaren Ärger über Jul.
Jul ist ein Maler, man kann es riechen, seine Bilder, aber auch sein Wesen. Das „Ich“ taucht im Buch häufig als Kombination mit einem Verb auf: gießich – hörich – schreibich. Sie tut immerzu was, stolpert und beobachtet sich nur so durch die Welt. Der Sog der Worte ist in JUL wie Musik, man will rein ins Geschehen und wissen, wer wen und ob überhaupt geliebt wird. Es wird dann geliebt – und wie. Wie Sturz -Vögel fliegen die Worte der Empfindungen ins großen Geschehen – sowie in die banalen Alltagsvorgänge. Man lebt – isst, trinkt, schläft – meist in einer Wohnung und wenn draussen, dann trägt Jul seine Landschuhe oder Gummistiefel und auch mal weissen Sandalen. Automatisch sieht man sich in alten Kindheiten gespiegelt und immerzu wabert ein einzigartiger Stereoklang von Glück und Unglück (Daniela Strigl) durch die Beziehung und die ganze Umgebung. Der zwielichtige Klang – Hassingers Spezialität.

Frau Hassinger schrieb mir, nachdem sie im Funk mein Meerkatzer Hörspiel gehört hatte. Sie kannte Jan Christ, der mich zu jenem Meerkatzer-Stück inspiriert hatte. Sie gab mir dann JUL – ihr erstes Buch. Ich tauchte umgehend ein, in das schmale dunkelgrüne Bändchen, las es am Stück und entschied umgehend es zu vertonen. Ein derart einnehmendes Kunststück unterwürfiger Gefühle (solche Worte werden darin gesagt) hat mir gerade noch gefehlt. Ich schien fast auf der Suche nach diesem Text gewesen zu sein.

Sabine Hassinger ist keine Unbekannte, sie las vor Jahren beim berühmt berüchtigten Bachmannwettbewerb und ihr war damals eine „fast beängstigende Welle an Unverständnis und Herablassung entgegengeschlagen“, wie es auf der Seite ihres Österreichischen Verlages steht. Friederike Mayröcker wusste es jedoch besser, sie schätzte Hassingers Prosa sehr, war verzaubert, wie ich es nun ebenfalls bin.

JUL ist ein persönliches Werk und es wäre zutiefst verständlich gewesen, wenn mir Frau Hassinger eine Umsetzung meinerseits zu einem Hörspiel „vermasselt“ hätte. Doch sie überließ es mir und ich bin dankbar dafür, denn dieser Text hat eine große zärtliche Wucht, die mir Sprache wie Bilder schenkt, Bilder, wie Jul sie vielleicht damals malte und Frau Hassinger sie eben – glücklicherweise schreibt.

Den Text las ich vorerst allein im BALKONSTUDIO am ersten Herbsttag dieses Jahres von vorne bis hinten ein. Es war wie ein Rausch.

Berlin Schöneberg, 9.10.26